School´s out forever // Was ich noch sagen wollte

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Out for summer, out till fall,

we might not come back not at all,

cause school´s out forever.

-ALICE COOPER


Je größer der Abstand, desto besser die Sicht auf die Dinge. Zu dieser grundsätzlich völlig paradoxen Einsicht gelangen Menschen in allen Phasen ihres Lebens, und für heute ist es meine. 12 Monate sind vergangen, seit ich zum letzten Mal meine Schule als angemeldete Schülerin betreten, und sie Stunden später endgültig verlassen habe. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, ich hätte mich auf halbem Weg nicht noch einmal umgedreht, hätte diesen Betonklotz mit den gelben Fensterrahmen nicht noch einmal angesehen und gedacht wie viele schöne Dinge hinter den vom Regen verschmierten Wänden passiert sind. Eventuell habe ich dann Luft geholt und kurz geschluckt, bevor ich weitergestapft bin, um den Abstand zu gewinnen, den ich jetzt habe.

Ich kann mich zu keiner Zeit über meine Schulzeit beschweren, tu´s aber trotzdem. Schon alleine, weil es jeder tut. Das Schulsystem – das ist ein Dauerbrenner in Deutschland, jeder regt sich darüber auf, alle wollen etwas ändern, und ich will das auch. Auch in meiner ach so perfekten Schulzeit haben sich Dinge ereignet, die meiner Meinung nach nicht in die Zukunft gehören. Die einer grundlegenden Änderung bedürfen, welche nur leider so schnell nicht kommen wird. Der deutsche Journalist und Keynote-Sprecher Sascha Lobo vergleicht die Geschwindigkeit, in der im deutschen Schulsystem Änderungen vorgenommen werden, mit der des Kontinentaldrifts – meiner Meinung nach eine realitätsnahe Darstellung. Dabei ist die Bildung der Gegenwart der Grundbaustein für die Entwicklung eines Menschen und seiner Zukunft.

Wenn ich alleine an meine ersten vier Jahre in der Grundschule denke, spüre ich bereits, wie nachhaltig sie mich geprägt haben. Es war auf der einen Seite die Geborgenheit und der Raum zum Wachsen, das Leben in einem ersten Klassenverbund, die Konfrontation mit fremden Kindern. Auf der anderen Seite aber auch die Enge, die ich damals empfand, während ich zum ersten Mal auf die Regeln und Vorgaben von Autoritätspersonen hören musste, die nicht meine Eltern waren. Mehr aus Erzählungen und aus Zeugnisberichten als aus eigenen Erinnerungen weiß ich, dass mir das nicht immer leicht gefallen ist. Temperamentvoll und sturköpfig war ich schon mein ganzes Leben lang, aber ich bin froh, dass ich aus den Strafarbeiten und Standpauken meiner Grundschulzeit gelernt habe, wie man sich Respektspersonen gegenüber zu verhalten hat. Auch wenn ich es damals ganz bestimmt verflucht habe.

Das Gefühl der Enge rührte allerdings nicht ausschließlich von Regeln wie „Schreib mit Füller und in Schreibschrift“, das ist mir bewusst. Während der Grundschulzeit sind die Klassen noch sehr heterogen, was die Fähigkeiten, Arbeitstempi und Ansprüche an die Schüler betrifft. Glaubt man meinen Zeugnisberichten von damals, war ich stets wissbegierig und konnte es nicht lange bei einer Aufgabe belassen. In dem Fach Deutsch beispielsweise flog mir alles zu, nicht zuletzt dank meines Vaters, der mir in meinem letzten Kindergartenjahr das Lesen beigebracht hatte, und selbst in Mathe war ich bei den besten Schülern – man möge es glauben oder nicht. In meinem letzten Jahr fühlte ich mich in der Grundschule konstant unterfordert, das sage ich jetzt einfach so raus obwohl ich weiß, wie falsch es aufgenommen werden kann. Ich will damit nicht sagen, dass ich besser als andere war, mein Lernverhalten war nur anders , auch unter den anderen gab es wiederum unterschiedliche Lerntypen und so war es nach Klasse 4 höchste Zeit für eine Aufteilung. Und damit sind wir bei Punkt 1 meines Rückblicks angekommen.

Verbindliche Grundschulempfehlung – absolut empfehlenswert

Am 14.09.2010 wurde ich Schülerin der fünften Klasse des Gymnasiums und ich fand es super. Einfacher Grund: plötzlich waren alle auf dem selben Level. Den Grundschulkameraden, die damals auf die Real- oder die Hauptschule gewechselt sind, ist es sicher genau gleich gegangen. Der Unterricht kam mir viel flüssiger vor, ich konnte Fragen stellen und wurde nicht dumm angesehen, hatte Spaß im Unterricht – und entdeckte mein Nicht-Talent in Mathe. Meine erste Klassenarbeit auf dem Gymnasium war Mathe, ich schrieb eine Vier und meine Lehrerin prophezeite mir, dass ich es nicht in die Oberstufe schaffen würde. Well.

Trotzdem. Alle in meiner Klasse waren dort, weil die Grundschullehrer sie dort richtig sahen. Nicht, oder zumindest nicht nur, die Eltern. Ich habe anhand meiner jüngeren Schwestern miterlebt, was sich verändert, wenn die Grundschulempfehlung nicht mehr verpflichtend ist. In ihrer Klasse gestaltete sich alles sehr viel heterogener, weil neben denjenigen, die wirklich aufs Gymnasium gehören, auch sehr viele im Raum saßen, die von ihren Eltern dazu getrieben worden sind, oder selbst aus völliger Verunsicherung heraus diese Entscheidung getroffen haben, die uns zu unserer Zeit noch abgenommen wurde. Meiner Ansicht nach ist die verbindliche Grundschulempfehlung keine Zwangsjacke und kein Hindernis, das Schülern ihren Weg versperrt, sondern ein Wegweiser in die richtige Richtung, und ein Stück weit ein Schutzschirm vor hohen Fremderwartungen und falschen Einschätzungen. Und die kommen nun mal sehr häufig von Eltern, die für ihre Kinder nur das Beste wollen, sie aber nicht die letzten vier Jahre im Klassenzimmer sitzen sehen haben. Wäre ich Kultusministerin, würde ich die Grundschulempfehlung wieder verbindlich machen. Damit auch weiterhin Kinder das selbe erfahren können wie ich damals: die Erleichterung, unter Gleichgesinnten zu sitzen.

Ich weiß, dass das egoistisch klingt, und vermutlich ist es auch genau das. So war ich als Schülerin drauf, ich wollte immer alles selber machen und entscheiden. Damit sollte ich während meiner Schulzeit noch oft genug Probleme haben.

Eigenverantwortung- und wieso man sie sich verdienen muss

Damals konnte ich es absolut nicht einsehen, heute bin ich schwer dankbar, dass es sie gab: die Führung und die Stütze durch die Lehrer. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich ab Klasse 3 bis zu meinem Abitur jede Unterrichtsstunde damit verbracht, an meinen eigenen Geschichten zu schreiben. In Klasse 3 war es Kiras und Leas Abenteuer auf dem Pferdehof, in Klasse 7 Aurelia und der magische Pendel (fragt nicht, ich frag mich selber auch nicht mehr…) und ab Klasse 10 dann meine Dauerbaustelle Spiegel deiner Seele. Hätte ich das tatsächlich so durchgezogen, hätte ich heute vielleicht Stapel von unverkauften Büchern (wobei  Kiras und Leas Abenteuer auf dem Pferdehof wirklich spannende, lesenswerte und absolut tiefgründige Geschichten beinhaltete!) aber kein Abiturzeugnis. In der Grundschule und in den Unterstufenklassen war es Goldwert, dass von meinen Lehrern regelmäßig der Satz kam: „Tabitha, leg den Stift weg und pass auf.“ Damals konnte ich noch nicht einschätzen, wann im Unterricht der Moment gekommen war, in dem man wirklich aufpassen sollte, um die Grundlagen zu verstehen.

In Klasse 7, oder spätestens in Klasse 8, wuchs jedoch mein Unmut. Ich schrieb in meinen Lieblingsfächern gute Noten, ich bekam immer so viel vom Unterricht mit, dass es reichte, und immer öfter hatte ich das Gefühl, dass ich, während ich nebenher andere Texte schrieb, sogar aufnahmefähiger für den Stoff war. In Stunden, in denen ich heimlich nebenher schrieb, meldete ich mich grundsätzlich sehr häufig, um dem Lehrer zu zeigen, dass ich geistig nicht abwesend beziehungsweise in meine Nebenbeschäftigung vertieft war. Trotzdem wurde ich regelmäßig ermahnt, auf der Stelle mein Notizbuch wegzuräumen. Schüler hingegen, die aus Langeweile tuschelten oder anderweitig das Unterrichtsgeschehen störten, wurden deutlich weniger ermahnt. Das ließ in mir Unverständnis wachsen: ich saß doch nur da und schrieb, ich störte damit weder Lehrer noch Schüler. Und ich sah mich eindeutig alt genug, um selbst einzuschätzen, ob das Zuhören nicht vielleicht doch besser wäre. Solange ich mich noch regelmäßig im Unterricht meldete und qualitativ gute Beiträge brachte, war es doch meine Entscheidung, oder nicht?
Die Lehrer sahen das jedoch anders. Regelmäßig musste ich mein Buch wegstecken oder, und das war noch viel schlimmer, abgeben. Einmal ließ ein Lehrer sogar laut vor, was ich geschrieben habe, die Hölle auf Erden für mich.

In einem einzigen Fach war es anders. Das war Geschichte, und manchmal vermute ich dass es auch deswegen bis zuletzt mein Lieblingsfach geblieben ist. Meine Lehrerin war zunächst auch alles andere als erbaut, als sie mich wie wild schreiben sah, und ich fuhr mir wieder die eine oder andere Mahnung ein. Bis wir die erste Klassenarbeit absolvierten und ich sowohl in dieser als auch in der mündlichen Note eine Eins erhielt. Dadurch, dass ich trotz meiner Schreiberei aufmerksam dem Unterricht gefolgt war und das in der Klassenarbeit auch beweisen konnte, konnte meine Lehrerin sichergehen, dass sich Schreiben und Aufpassen bei mir nicht gegenseitig ausschließen muss. Der schönste Satz, der jemals ein Lehrer zu mir gesagt hat, kam von dieser Lehrerin: „Ich hab jetzt gesehen, dass du beides kannst. Wenn das so bleibt, dann darfst du ruhig weiterschreiben!“
Mir war es sehr wichtig, dieses Vertrauen nicht zu missbrauchen, und so hielt ich meine Noten, und im Geschichte-Unterricht entstanden in all den Jahren immer meine liebsten Texte.

Dieses Verhalten hätte ich mir für alle Lehrer gewünscht. Für mich war die Eigenverantwortung, die mir meine Geschichte-Lehrerin übertragen hat, genau das richtige. Ich weiß, dass das nicht bei jedem der Fall ist. Und ich verstehe heute auch, dass nicht alle Lehrer so mit mir umgehen konnten, weil ich eben längst nicht in allen Fächern so gut war wie in Geschichte. Dass sich meine Mathelehrer die Haare gerauft haben, weil ich trotz meinen regelmäßigen Vieren in Klassenarbeiten unbeeindruckt weitergeschrieben habe, anstatt aufzupassen, ist eigentlich mehr als verständlich. Ich hätte die Mahnungen, die ich daraufhin erhalten habe, nicht so frech kontern dürfen, ich hätte auf sie hören müssen. Im Nachhinein schüttele ich über mich mich selbst den Kopf, und ich verstehe: ich habe es mir selbst schwer gemacht, und den Lehrern nicht gerade leichter. Und doch: mir sind zwei Sachen passiert, die mich nachhaltig geprägt haben, über die ich heute noch wütend werde, und die ich hier ein und allemal klarstellen will, für alle, denen es vielleicht ähnlich geht. Los gehts.

 

Lehrer und wie sie sich Schülern gegenüber nicht verhalten dürfen

Die ganze Schulzeit über war es mir wichtig, all das einmal aufzuschreiben und zu veröffentlichen, und jetzt, wo es so weit ist, fühle ich mich nicht gut. Es ist ein seltsames Gefühl, diese Vorfälle wieder aus der Vergangenheit hervorzuholen. Vielleicht ist es auch ein Fehler, aber falls ich damit nur einer Person helfen kann, der es gleich geht, ist es das Wert.

Ich möchte vorweg sagen, dass ich mit diesem Kapitel nicht die Lehrkräfte an sich kritisieren möchte, mit denen ich die folgenden Erfahrungen gemacht habe, sondern viel mehr das System, das zwischen Lehrern als Respektsperson und Lehrern als Machtperson keinen Unterschied zulässt. Dadurch fällt es sowohl Schülern als auch Lehrer schwer, zu erkennen, wo die Grenzen sind. Und genau das ist mir passiert.

Die erste Geschichte hat mit dem Text zutun, den ich hier einmal vor langer Zeit veröffentlicht habe: Kopfüber. Viel mehr muss ich dazu nicht erzählen. Es gab mit der selben Lehrkraft ähnliche Vorfälle im Schwimmbad, wo sie mich mehrmals ins Kinderbecken geschickt hat, weil ich ja nicht richtig schwimmen könne. Jedes Mal war es eine Bloßstellung, jedes Mal tat es so weh, aber ich bin immer hingegangen. Ein Telefonat, das meine Eltern mit der Lehrkraft geführt haben, hat geholfen. Und ich muss heute fairer Weise sagen, dass ich gerade gegen Ende meiner Schulzeit, als das Abitur schon gelaufen war, noch einmal mit dieser Lehrkraft gesprochen habe. Sie kam mir sehr freundlich entgegen und ich gestand mir zu diesem Zeitpunkt ein, dass ich es ihr wirklich nicht leicht gemacht habe, Verständnis für mich aufzubringen. Aus dieser Zeit, die nun schon fünf Jahre zurückliegt, habe ich gelernt, dass man immer zu sich selbst stehen muss, und dass man nicht alles tun kann, was man will, aber auch nie das tun müssen sollte, was man nicht will.

Der zweite Fall ist mir noch deutlich präsenter. Den konkreten Auslöser kann ich heute nicht mehr ausmachen. Meine Noten in den beiden Fächern, in denen ich die betreffende Lehrkraft hatte, waren nicht gut. Trotzdem hatte ich in ihrem Unterricht in mein Tagebuch geschrieben. So schön so unvorteilhaft, aber wie sie damit umgegangen war, war nicht in Ordnung. Sie riss mir das Tagebuch aus der Hand, beherbergte es auf ihrem Schreibtisch, wo es für jeden gut sichtbar lag. Sie tat das auch in stillen Arbeitsphasen so laut, dass es jeder mitbekam. Darauf legte sie großen Wert. An Ereignissen wie diesen war ich selbst schuld, ich konnte sie auch gut steuern. Es blieb allerdings nicht dabei. Wenn es darum ging, wer eine Aufgabe vorlesen könne, hörte ich öfter sinngemäß, ich könne das ja übernehmen, wenn ich sonst schon nichts beitragen könne. Um diese beiden Punkten zukünftig zu umgehen, ließ ich das Schreiben sein und begann, mich aktiv im Unterrichtsgeschehen einzubringen. Regelmäßig, wenn ich gerade wirklich versuchte, eine Aufgabe zu verstehen, rief sie mich auf, wohlwissend dass ich gerade noch nicht bereit dafür war. Dann ließ sie mich fünf Minuten vor der ganzen Klasse auflaufen, bevor sie mit lautem Seufzen einen anderen aufrief. Dem versuchte ich, entgegenzugehen, in dem ich mich selbst meldete, aber selbst dann hörte sie nicht auf, jede Gelegenheit zu nutzen, in der ich es nicht tat. So bewegte sich meine mündliche Note stets im Viererbereich, als ich sie einmal darauf ansprach, dass ich mich eigentlich besser einschätzen würde, weil mir das Thema auch Spaß machte und ich mich aktiv beteiligte, sagte sie: „Nein, das kann nicht sein. Das Thema macht dir keinen Spaß!“ Damit hatte sie für mich entschieden, was mir Spaß macht und was nicht, und es blieb bei der Vier. 

Viel schlimmer als die Notenverteilung war allerdings ein Tag, an dem ich eine -ohnehin schon schlimme- Zahnspange tragen musste, die das Sprechen unmöglich machte. Im Klassenbuch war daher mit Unterschrift des Kieferorthopäden vermerkt, dass ich über die Behandlungsdauer mit dieser Spange von einer Woche nicht am Klassengespräch teilnehmen könne, und das dies zu entschuldigen sei. Diese Erklärung las die Lehrkraft laut vor und sagte anschließend sinngemäß: „Ach Tabitha, ob du so ein Ding im Mund hast oder nicht macht bei deiner qualitativen Beteiligung auch keinen Unterschied mehr.“ Sie lachte, die Klasse lachte und ich saß mit einer Gummispange im Mund da und hatte keine Chance zur Gegenwehr. Was vielleicht auch besser war, weil aus meinem Mund sicherlich nichts freundliches gekommen wäre.

So aufgeschrieben klingt all das gar nicht schlimm. Aber für mich war es der reinste Spießrutenlauf, der über drei Jahre anhielt. Verletzt war ich vor allem deswegen, weil ich augenscheinlich die einzige Person der Klasse, wenn nicht der Schule war, die ihre Probleme mit dieser Lehrkraft hatte. Ich hatte dadurch keinen Rückhalt in meiner Klasse, alles was ich hörte war: „Jetzt stell dich nicht so an“ und das verschlimmerte alles noch zusätzlich. Meine Klassenkameraden stimmten mir zweifelsohne zu, dass es die Lehrkraft auf mich abgesehen hatte, aber weil keiner eine Erklärung dafür hatte, am aller wenigsten ich, nagten die drei Jahre stark an meinem Selbstbewusstsein.

Ich hab das überstanden – aber meine Kritik an diesem System bleibt. Dass ein Schüler einem Lehrer so dermaßen unterlegen ist, kann es meiner Meinung nach nicht sein. Ich habe mich zu diesem Zeitpunkt auch nicht getraut, mit diesen Problemen zum Rektor zu gehen. Was hätte ich ihm schon erzählen sollen? Die Lehrkraft hätte es widerlegt.

Noch einmal: ich will weder die Lehrkraft noch meine ehemalige Schule damit angreifen, weil das ÜBERALL passieren kann und sicher auch überall passiert. Es ist aber mein Recht, darzustellen und zu vermitteln, wie absolut nicht in Ordnung ich Fälle wie diese finde. Konkrete Lösungsvorschläge habe ich nicht, wenn euch welche einfallen, teilt sie mir mit, für den unwahrscheinlichen Fall dass ich eines Tages Kultusministerin bin. Danke.

Breite Allgemeinbildung – wenn man das so nennen kann

Meine Schule liegt in Baden-Württemberg. Und worauf sind die Baden-Württemberger besonders stolz? Auf ihr gutes Abi. Das ja so allgemeinbildend ist, schließlich lernen die Schüler dort zwangsläufig sowohl in naturwissenschaftlichen als auch in musischen und literarischen Fächern effektiv alles, was das Leben danach von ihnen fordert.

Punkt 1: Allgemeinbildung ist ein schlechter Witz. Allgemeinbildung heißt für mich, zu verstehen was der Sprecher in der Tagesschau erzählt. Zu wissen, wer der erste Bundeskanzler der BRD Deutschland war und welche danach kamen. Einen Mietvertrag verstehen, eine Steuererklärung schreiben zu können. Genau das musste ich im letzten Jahr für eine Tätigkeit als Kampagnenblogger machen und ratet mal wer komplett überfordert war? Und ratet mal, wer die Steuererklärung letztendlich geschrieben hat, ich oder mein Vater? (you saved my life !) Und warum ist das so? Weil ich die letzten 8 Jahre damit verbracht habe, alles wichtige über Vektorgeometrie, Schwefelverbindungen und die Kunst der Archaik zu lernen. Vor ein paar Jahren hat der Twitter- Post einer Schülerin Aufsehen erregt, die genau dies beklagt hat. Allerdings nur für kurze Zeit, dann war ihre Beschwerde wieder eine von vielen und alles beim Alten. „Lebenstüchtigkeit“ – dieses Fach fehlt an unseren Schulen so dringend. Ich habe die Allgemeine Hochschulreife, ich habe Abitur, und ich kann nichts, was annähernd mit dem alltäglichen Leben zu tun hat. Und der „Nicht für die Schule, sondern fürs Leben“-Spruch, eingeritzt in den Deckenbalken meiner kleinen, alten Grundschule wirkt plötzlich so ironisch.

Punkt 2: Breit ist an meiner Bildung gar nichts. Vor 14 Monaten habe ich zwei komplette Abiturklausuren über Themen geschrieben, die ich heute definitiv nicht mehr wiedergeben könnte. Mathe – ich kannte mich tatsächlich mal aus, was Analytische Geometrie, Stochastik (mein WordPress-Rechtschreibprogramm kennt das Wort nicht mal by the way) und Analysis betrifft. Ich konnte beschreiben wie Gebirge entstehen und Vulkane ausbrechen. Und heute – kann ich es nicht mehr. Das einzige was mir hängen geblieben ist, sind Inhalte aus Fächern, die mir wirklich Spaß gemacht haben, wie etwa Geschichte, Deutsch oder Französisch. So viel zum Thema Allgemeinbildung. Das Problem liegt zum einen in dem grandios gescheiterten G8-Projekt, das „Bulimie-Lernen“ als zweiten Vornamen hat, und zum anderen an der tollen Idee von Baden-Württemberg, seine Schüler keine großen Schwerpunkte wählen zu lassen. Klar, man kann ab der Kursstufe drei vierstündige Fächer selbst wählen, aber dabei bestehen wieder mehr Vorgaben als Freiheiten. Mathe und Deutsch sind in Stein gemeißelt, da kann man sagen was man will. Das macht mich wütend, denn allerspätestens in der zehnten Klasse bin ich doch durchaus in der Lage, selbst zu entscheiden, welche Fachrichtung wohl mein späteres Leben beinhaltet und welche nicht. Wenn ich das zu diesem Zeitpunkt noch nicht sicher weiß oder an beidem interessiert bin, kann ich ja immer noch so wählen, dass mein Abitur mehrere Bereiche abdeckt. Aber diesen Zwang zur „breiten Allgemeinbildung“ kann ich nicht für gut heißen. In anderen Bundesländern klappt das individuelle Wahlsystem doch auch.

Dass das Abitur in Baden-Württemberg generell hohe Anforderungen hat, finde ich gut, das erfüllt einen ein Stück weit mit Stolz und man fühlt sich gut vorbereitet auf die Universität. Aber viel besser wäre es doch, wenn die Anforderungen in den selbstgewählten Bereichen hoch sind, anstatt dass sie sich aus der großen Bandbreite an Fächern und Themen ergeben? Intensiv für einen bestimmten Bereich zu arbeiten ist doch viel effektiver als oberflächlich einmal jedes Fachgebiet zu streifen, auch die, an denen man eigentlich absolut kein Interesse hat. Aber nein, lassen wir die Baden-Württemberger mal lieber weiter Mathe UND Deutsch büffeln, auch wenn sie mit einer Wahrscheinlichkeit von 99 Prozent in einem halben Jahr sämtliche Inhalte ihres Hassfaches aus ihrem Kopf verdrängt haben. Zeit, ihre eigenen Talente und Interessen zu vertiefen, gibt es nach dem Abitur ja noch genug, dafür ist doch die Schule nicht zuständig.

Der Hauptgrund, wieso ich das so stark kritisiere, liegt vor allem in einem anderen Punkt, dem ich als im Sternzeichen der Waage geborenes Kind wohl sehr viel mehr Beachtung schenke als es nötig wäre:

Die Ungerechtigkeit des Abiturs – deutschlandweit betrachtet

„Bildung ist Ländersache!“ ist ein gut gemeinter Ansatz, der den einzelnen Bundesländern Freiraum schenken will. Und er ist die größte Ungerechtigkeit, die wir Abiturienten uns vorstellen können. Glückwunsch dafür, liebe Regierung.

Wie kann es sein, dass ein Bundesland Hessen oder Nordrhein-Westfalen kein Abitur in Mathe schreiben muss, Bayern oder Baden-Württemberg aber schon? Wie erklärt man sich, dass in Bayern fünf Abiturprüfungen abgelegt werden müssen, in nördlichen Bundesländern vielleicht aber nur drei? Mich durch das Abitur in Mathe zu kämpfen war für mich so schon hart genug, aber dann im Hinterkopf zu haben, dass andere zum gleichen Zeitpunkt ihr Abitur in Religion und Kunst machen und zufrieden nach Hause gehen, war mehr als entmutigend.

Ohne das Hauptfach Mathe und das Nebenfach Chemie sähe mein Abischnitt anders aus, er wäre um mindestens zwei Nachkommastellen besser. Und mit diesem Abschnitt bewerbe ich mich an Universitäten in ganz Deutschland, genau wie zahllose andere Abiturienten aus ganz Deutschland auch. In vielen Studiengängen entscheidet der Abischnitt über die Zulassung – ja genau, der Abischnitt, der in jedem Bundesland unter anderen Bedingungen erlangt wurde. Cool. Ich weiß, mein Sinn für Ungerechtigkeit steht mir mehr im Weg als dass er mir weiterhilft. Und ich weiß auch, wie schwer es ist, hier auf einen gemeinsamen Weg zwischen den Bundesländern zu finden. Aber ich hoffe, dass das gelingt, denn alles andere ist schlichtweg nicht gerecht. In anderen Ländern funktioniert das einheitliche Schulsystem auch, dann sollte das doch in Deutschland auch machbar sein.

 


Und vieles ist schon machbar. Alle Probleme, die ich gerade angesprochen habe, fallen unter die Kategorie „Jammern auf hohem Niveau“. Aussprechen darf man sie trotzdem, wichtig ist nur, wie man mit ihnen umgeht.

Schools out forever

– und wir werden sie vermissen. Mit allen ihren guten und schlechten Seiten, denn sie haben uns wachsen lassen und uns gezeigt, worauf es ankommt. Dass es im Leben alles andere als gerecht zugeht, dass Schwächen ausgenützt und Stärken verdrängt werden können, wir es aber selbst in der Hand haben, in welche Richtung es geht. Dass wir, so alt dieser Spruch auch sein mag, unseres Glückes Schmied sind. Immer und für immer.

We might not come back at all. 

Mein Name ist Tabitha Anna und ich bin 19 Jahre alt. Gemeinsam mit meiner Familie lebe ich im Süden von Baden-Württemberg, wo ich seit meinem Abitur 2018 als Online-Redakteurin arbeite. Ich liebe es zu lesen, zu schreiben und zu reisen. Im Oktober 2019 werde ich mein Studium im literatur- und medienwissenschaftlichen Bereich beginnen.