Zwei Monate 2020 – Feuer, Stürme und Corona-Viren

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Wenn ein neues Jahr beginnt, steigen die Erwartungen so sprungartig in die Höhe wie die Feuerwerkskörper um Mitternacht. Zwischen dem Knallen der Raketen und Sektkorken werden Versprechen laut, wie: im neuen Jahr wird alles besser! Und für einen Moment steht die Zeit still. Im nächsten Moment nimmt sie ihre übliche Geschwindigkeit wieder auf, um nach den ersten zwei Monaten kurz innezuhalten, damit wir uns fragen können: Hatten wir recht?

2020 ist drei Tage alt, als zwischen den USA und dem Iran ein Konflikt eskaliert. Einen Tag lang ist Instagram überflutet von Memes, die sich schon mal vorsoglich über den Dritten Weltkrieg lustig machen. Beruhigend, denke ich beim Scrollen, solange noch Witze fallen und keine Bomben, kann es nicht ganz so schlimm sein. Widerum einen Tag später sind die WW3-Memes aus den Sozialen Netzwerken verschwunden, ausgetauscht durch Bilder der verheerenden Brände in Australien und Südamerika, so eindrücklich, dass man die Hitze schon fast auf der eigenen Haut zu spüren glaubt. Auch in Deutschland wird die Zerstörungskraft des Feuers plötzlich greifbar, als in der Silvesternacht ein Krefelder Affenhaus abbrennt. Ein paar Tage Trauer, dann stürzt in Teheran ein Flugzeug ab, nicht etwa, wie zunächst bekanntgegeben, aufgrund eines technischen Defektes – sondern weil eine Kampfabsicht auf die USA zum Abschuss eines ukrainischen Flugzeugs führen kann. Wenig später liegt die globale Aufmerksamkeit auf einer Stadt, deren Existenz Teilen der nicht-asiatischen Bevölkerung vermutlich zuvor nicht bewusst war: Wuhan, die Geisterstadt, in der die Corona-Viren regieren. „Gruselig“, sagen wir im virenfreien, höchstens erkältungsgeplagten Deutschland und überlegen, Rundreisen nach Thailand zu verschieben. Am Ende des ersten Monats 2020 gibt es zwei Notstände: den nationalen Notstand in Australien, das nach wie vor mit den Buschfeuern kämpft, und den internationalen Gesundheitsnotstand, den die WHO zur Eindämmung des neuartigen Corona-Virus ausgerufen hat.

Der Februar bringt uns Besuch von Sabine, der freundlichen Sekretärin des Klimawandels – und ein Großteil der Sorgen des Januars sind davon geweht. So lange, bis in Hanau ein rassistisch motivierter Täter zehn Menschen und sich selbst erschießt, als sanfte, beiläufige Erinnerung, dass der Rechtsextremismus weiterwächst. Ständig. Deutschland trauert, lenkt sich ab im alljährlichen Karnevalstümmel – und muss zusehen, wie in Volksmarsen ein Fahrer sein Auto in die Menschenmenge lenkt und 61 Karnevalsteilnehmer verletzt. Das Gefühl von Sicherheit im eigenen Land schwindet, die Afd feixt und wütet weiter, „Sagen wir doch schon lange, dass sich hier was ändern muss!“, und damit wir bloß nicht den Eindruck bekommen, in Norditalien oder Südkorea wäre es noch schlimmer, marschieren kurze Zeit später die Corona-Viren ein, die es nach einer mehr oder weniger inspirierenden Backpacking-Weltreise auch zu uns geschafft haben. Sie halten uns so sehr in Zaun, dass sich die Tragödien an den Grenzen Europas nahezu unbemerkt abspielen.Und das Jahr ist gerade zwei Monate alt.

Auch wenn es sich nahtlos in die Panikterminologie der letzten Tage einordnen lässt, ist doch „schockierend“ ein Begriff, der den Beginn von 2020 recht eindrücklich beschreibt. Denn das ist es doch, oder? Schockierend ist es schon, dass diese Aufzählung an Ereignissen ein Bruchteil dessen ist, was in den Wikipedi-Listen Januar 2020 und Februar 2020 an schlechten Nachrichten zu finden ist – einmal ganz abgesehen davon, wie schockierend es ist, dass diese Listen notwendig waren um den Überblick zu bewahren.

Wenn man all diese Ereignisse liest, ist man schockiert. Von der Vorstellung brennender Wälder 24/7, von Krieg, der mit abstürzenden Flugzeugen einher geht, von der Machtlosigkeit des Menschens gegenüber der Natur, und von dem, was der Mensch ihr als Rache antut. Mit diesem leichten Hauch realer Apokalypse könnte man sich gut und gern zwei Monate beschäftigen.

SCHOCKIEREND ist aber doch vor allem die Art und Weise, wie wir auf das reagieren, was sich in den letzten zwei Monaten ereignet hat. Dass wir uns fürchten, liegt in unserer Natur. Dass wir diese Furcht austauschen, an unserem grundlegenden Bedürfnis nach Kommunikation. Aber dass die Wellen, in denen etwas unser Bewusstsein erreicht, so hoch und so stürmisch sind, das ist neu oder? Wenn 2020 die Überquerung eines stürmischen Meeres ist, sind wir der kleine Kutter, der von den Wogen auf- und abgeworfen wird. Eine Welle heißt „Klimawandel“, „Ich bin der Grund für diesen Sturm!“ brüllt sie uns zu, und wir krallen uns am Rand des Bootes fest und schlucken beeindruckt, bevor wir uns eine Sekunde später vor dem salzig-bitteren Wasser der Welle „Rechtsextremismus“ ducken. Und alles andere vergessen. Zum Teil, weil es schlichtweg nicht möglich ist, den Überblick zu behalten, wenn wir das nicht gerade beruflich tun. Aber selbst diejenigen, die im Journalismus tätig sind, stehen immer mehr in der Predouille, aus einer Flut an Nachrichten die relevantesten auszuwählen. Es können nicht mehr ansatzweise alle Neuigkeiten gesendet werden, die Guten schon gar nicht. Dass in Australien die letzten Buschbrände gelöscht sind, oder mittlerweile mehr genesene Corona-Patienten als Neuansteckungen verzeichnet werden, versinkt in der Welle an neuen Nachrichten.

Verfolgt man die Diskussionen auf Social Media und die aufkommenden Gespräche, scheint es, als gäbe es momentan genau zwei Extreme: die, deren Panik so weit geht, dass sie Desinfektionsmittel aus Krankenhäusern stehlen und ihren Vorrat an Konservendosen und Spagetti spontan vervierfacht haben – inspiriert durch diverse amerikanische Horrorfilme- , und die, die den Corona-Viren jegliche Gefährlichkeit absprechen und sich über die Hysterie der anderen mokieren. Beide Varianten sind meiner Meinung nach absolut unfair gegenüber denjenigen, die chronisch krank oder alt sind, und, basierend auf den bisherigen medizinischen Erkenntnissen, tatsächlich gefährdet sind, an Corona zu sterben – oder aber an dem plötzlichen Mangel an Desinfektionsmittel, medizinischer Schutzkleidung und Personal. Für Menschen, die Risikogruppen angehören, ist es extrem verletztend, wenn andere das Risiko so kleinreden. Ihr sorgloses Verhalten kann dazu führen, dass sie krank werden, oder ihre eigenen Angehörigen, oder irgendjemand, der es nicht geworden wäre, wenn alle das Thema mit der angemessenen Ernsthaftigkeit behandeln würden. Anderseits ist der Vorwurf einer Panikmache berechtigt, wenn man die Reaktionen der Menschen beobachtet.

Betrachtet man jedoch einmal schlichtweg die Aufgabe eines Nachrichtensenders, dann ist diese doch, Informationen weiterzugeben. Und zu Corona gibt es momentan eine Masse an Informationen, die sich stündlich aktualisiert, und deren Weitergabe von Relevanz ist. Ja, es kann Angst machen, wenn ständig neue Fallzahlen auf den Bildschirmen prangen, aber die Bevölkerung hat nunmal ein Anrecht darauf, zu erfahren, wie nahe der Corona-Virus ihrer Region momentan ist. Natürlich würden wir statt einer Anleitung für richtiges Händewaschen lieber hören, dass es nicht nötig ist, sich ansatzweise Sorgen zu machen – aber so ist es nun mal nicht. Weil 2020 kein Jahr ist, in dem man sich keine Sorgen machen muss. Aber es gibt einen Unterschied zwischen Sorge und unbegründeter Panik und Hamsterkäufen, die in keiner neutralen Berichterstattung geraten wurden.

Die einzige Erkenntnis dieser Debatte: um den gesunden Menschenverstand zu verlieren, braucht es keine Infektion mit SARS-CoV-2, das geht anscheinend von alleine.

2020 ist wie kein anderes mir bewusstes Jahr vom Relativismus der Menschen geprägt. Ständig werden Zahlen zueinander in Bezug gesetzt. Tote Affen mit verbrannten Wildtieren, islamistische Anschläge mit rechtsradikalen „Einzeltaten“, verhungerte Menschen mit Corona-Opfern. Das Ziel ist es, subjektiv wahrgenommene Gefahren zu entkräftigen, das Bewusstsein für wahre Tragödien zu schärfen und Panik zu lindern. Gute Ansätze, die aber teilweise überhaupt nichts nützen. Eine Grippe kann für eine herzkranke Person genauso tödlich sein wie Corona, und schon ist die Aussage „Corona ist auch nicht schlimmer als die Grippe“ hinfällig. Und dass in vielen Ländern jeden Tag Menschen sterben, macht die Angst vor dem eigenen Tod auch nicht kleiner. Was ist die Aussage dieses Vergleiches? Dass wir Corona in Europa nicht eindämmen sollen, weil in Afrika ja auch Menschen sterben? Ich weiß, dass diese Passage jetzt sehr egoistisch und falsch wahrgenommen werden kann. Das ist nicht das Ziel. Die Frage ist aber doch: Wer kann darüber entscheiden, was schlimm ist, und was nicht? Es ist richtig, dass nicht allen Ereignissen die selbe globale Aufmerksamkeit gegeben werden kann und darf. Aber Relativismus als moralischen Apell an unser eigenes, subjektives Empfinden zu richten, halte ich für falsch. Meiner Ansicht muss ein derartiges In-Beziehung-setzen aus dem Einzelnen selbst kommen, um dort für ein Umdenken zu sorgen. Von der Außenwelt kann lediglich ein Anstoß erfolgen. Und momentan erfolgen fünfhundert Anstöße auf einmal, und wir bleiben zerschlagen sitzen.

Folgende Passage aus dem Tagebuch der Anne Frank fasst die Problematik des Relativismus´meiner Ansicht nach zusammen:

Hier liegt zu einem großen Teil der Unterschied zwischen Mutter und mir. Ihr Rat für Schwermut ist: »Denk an all das Elend in der Welt und sei froh, dass Du das nicht erlebst.« Mein Rat ist: »Geh hinaus, in die Felder, die Natur und die Sonne, geh hinaus und versuche das Glück in Dir selbst zurückzufinden; denke an all das Schöne, was in Dir selbst und Dich herum wächst und sei glücklich!« Meiner Meinung nach kann Mutters Satz nicht aufgehen, denn was sollst Du tun, wenn du das Elend doch erlebst? Dann bist Du verloren.“ – 7. März 1944

Nur wenn wir uns dessen besinnen, dem Schönen in der Welt, finden wir die Kraft, dafür einzustehen und zu kämpfen. Dann taucht am Ende des stürmischen Meeres ein Horizont auf, auf dessen Kurs der Kutter gehen kann. Noch hält das Jahr 2020 ganze zehn Monate dafür bereit.

Mein Name ist Tabitha Anna und ich bin 20 Jahre alt. Ich komme aus dem Süden von Baden-Württemberg und liebe es, zu lesen, zu schreiben und zu reisen. Seit Oktober 2019 studiere ich Sprach- und Literaturwissenschaft in Freiburg im Breisgau.