Im falschen Film

Kategorien Weltgeschehen

Stellen wir uns vor, es ist irgendein Samstag in irgendeinem Jahr. Frei von jeglichem Social Distancing entschließen wir uns, mit unseren Freunden ins Kino zu gehen. Mit einer Mischung aus Faszination und Abscheu sehen wir jetzt zu, was auf der Leinwand abgespielt wird. Der Film, in den wir in Ermangelung einer Alternative gegangen sind, entspringt dem Genre „amerikanisches Katastrophendrama“ und handelt von der weltweiten Pandemie einer neuartigen Virusform. Nicht ganz neu die Idee, denken wir uns, gab es da nicht in 2003 mal was ähnliches? Egal, denn ein Stück weit genießen wir das Schaudern, das die Vorstellung eines globalen Shutdowns in uns auslöst. Wie sich winzige, unsichtbare Zellen ihren Weg bahnen und es schaffen, vom zentralen China in die ganze Welt getragen zu werden. Das könnte tatsächlich passieren, das geht leichter, als wir gedacht hätten. Da ist diese Furcht der Menschen vor etwas, das sie gar nicht sehen können. Das schweißt doch zusammen, oder nicht? Was für ein unvergessliches Erlebnis das sein muss!

„Also jetzt wird es langsam unlogisch“, sagen wir an der Stelle, an der sich Gabi und Berta, beide Hausfrauen Mitte 40, über die letzte Packung Klopapier im Supermarkt streiten, während der niederländische Ministerpräsident prophezeit, dass mit den Vorräten die „nächsten zehn Jahre gekackt werden kann“. „Ist das nicht ein bisschen zu dramatisiert?“ fragen wir uns beim Anblick eines Konvois italienischer Militär-Lastwagen, die 70 Leichen aus den Städten fahren, weil deren Bestatttungsunternehmen mit der Menge an Opfern überfordert sind. Auf diese Bilder folgen Aufnahmen einer Party 454 Kilometer nördlich am Ufer eines Flusses. Eine Gruppe „junger gesunder Menschen außerhalb der Risiko-Gruppe“ feiert – unverhoffte Schulferien, ihre Unbesiegbarkeit und den Beginn des Frühlings. Und wir alle so: sind die völlig bescheuert?

Irgendetwas stimmt nicht an dieser Kinovorstellung. Denn während das Popcorn leer ist, und die Bilder aus allen Intensivstationen Europas immer dramatischer werden, als wir schon längst das Bedürfnis haben, die grausige Vorstellung einer Virus-Pandemie abzuschütteln und in unser freies, gewohntes Leben zurückzukehren – ist der Film noch immer nicht zu Ende. Wir können die Augen schließen und wieder öffnen, wir können einschlafen und wieder aufwachen, nichts wird sich ändern. Gabi und Berta streiten sich immer noch um das Klopapier, als uns schließlich bewusst wird: das hier – ist. kein. Film.

Auch wenn es uns so vorkommt, auch wenn wir es uns noch so sehr wünschen, kein Regisseur der Welt hat die Möglichkeit, noch schnell das Drehbuch zu ändern. Weil es keinen Regisseur gibt, und damit keine Garantie, dass diese Geschichte einen Sinn und eine Pointe besitzt. Wie ein guter Film gibt es einen Spannungsbogen, voll von Schmerz und unheilvollen Vorahnungen, mit Helden, die ihr Leben lassen und einem Endgegner, der sich kaum bekämpfen lässt. Wie in diesen Horrorfilmen, in denen zwei Freunde in einer dunklen Höhle auf die Idee kommen, sich aufzuteilen, hören wir auf, rational zu denken. Ja, du brauchst diese dritte Packung Nudeln! Unser Handeln ist gesteuert von der Angst vor etwas Fremdem, Neuem, das keiner kennt.

Jeden Morgen wachen wir auf und denken, es war alles nur ein Traum, und jeden Morgen werden diese Momente bis zur Realisation ein bisschen kürzer, bis wir eines Tages aufwachen, und es gar nicht erst vergessen haben. Und dann liegt er vor uns, dieser lange Tag, den es zu füllen gilt. Ich glaube, das frustriert uns am meisten: dass wir den Eindruck haben, sowohl in unserem Alltag als auch gegen die Krise gefühlt nichts ausrichten zu können.

Die gute Nachricht ist: wir können sehr wohl etwas tun. Auch wenn es weh tut: wir müssen den Kinosaal verlassen, nach Hause gehen und dort bleiben, bis die ganze Sache ausgestanden ist. Ohne soziale Kontakte. Ohne den Gedanken, es würde uns schon nicht treffen. Ohne zu vergessen, dass es Menschen gibt, die an unserem Leichtsinn sterben können. Ja, wenn schon Horrorfilm, dann richtig. Aber hier ist der Unterschied zwischen irgendeinem Samstagabend im Kino und der Gegenwart im März 2020: wir haben etwas in der Hand. Wir brauchen keinen Regisseur, der die Geschichte gut zu Ende schreibt. Wir sind vielleicht im falschen Film, aber wir sind die Schauspieler. Und irgendwann wird auch in diesem Film der Abspann kommen.

Wenn wir alles geben, und wenn wir jeden Moment daran glauben, dann vielleicht sogar mit einem Happy End.

Mein Name ist Tabitha Anna und ich bin 20 Jahre alt. Ich komme aus dem Süden von Baden-Württemberg und liebe es, zu lesen, zu schreiben und zu reisen. Seit Oktober 2019 studiere ich Sprach- und Literaturwissenschaft in Freiburg im Breisgau.