Dieses Leben, wir leben es immer noch

Kategorien Weltgeschehen

„Ich hatte mir diese Ferien anders vorgestellt.“ sagt meine Freundin Elsa zwei Stöcke unter mir in einer Sprachnachricht. Ich höre sie mir am Schreibtisch meines 12-Quadratmeter-Penthouses an, eins muss man mir lassen, die Wohnheimmiete wird gerade zu 100 Prozent ausgenutzt. Vor mir ein Teller Vollkornfarfalle, es war eine glorreiche Errungenschaft im Kampf gegen die Hamsterkäufer, die den Studenten auf dreiste Weise ihr Grundnahrungsmittel wegkaufen. Während es bei besagten Hamstern jetzt vermutlich Tiefkühlgemüse-Lasagne aus Klopapier gibt, sind meine Nudeln ein Rest von gestern, und der Gang zur Mikrowelle war atemberaubend aufregend. Es ist die wohl bizarrste Zeit unseres Lebens. Das Ablaufdatum? Ist ungewiss.

SARS-CoV-2, das wohl unbeliebteste Wort des Jahres 2020, ist nun schon über einen Monat unter uns, den Hobbyvirologen auf Jodel zufolge schon deutlich länger. Am Anfang war es ein gruseliges Phänomen weit weg in China, Stück für Stück wurde es zum Stammtischgespräch in den Kneipen Deutschlands, dann fielen die Stammtischgespräche samt Kneipenbesuche unter das Begegnungsverbot, und mittlerweile haben wir alle Bedarf nach Digital Detox, um dem Wort SARS-CoV-2 zu entkommen – wenn die sozialen Medien nicht die einzige Kompensation für das Social Distancing wären. Innerhalb weniger Wochen hat das Leben global rasant an Fahrt aufgenommen – um von einem Moment auf den anderen stillzustehen.

Leere Straßen, Geisterzüge, Corona-Ferien, Kurzarbeit, Sonnenuntergänge ohne Zuschauer. Der Stadtrand von Freiburg war immer schon ruhig, aber wenn ich morgens aufwache, klingen selbst die zwitschernden Vögel gespenstisch in der absoluten Stille dahinter. Die Natur, die es gerade endlich schafft, den Winter beiseite zu stoßen, führt ein einsames Dasein ohne Bewunderer. Aber wer weiß, ob es ihr überhaupt etwas ausmacht. Unser Stillstand ist ihr großer Moment, endlich kapieren wir mal, wie unabhängig sie ist, und dass ohne unser, von uns als selbstverständlich und unbedingt berechtigt auserkorenes, Mitmischen ihr voller Glanz erst zum Vorschein kommt. Das Einzige, das nicht stillsteht, sind die Gedanken in meinem Kopf.

Als ich mich das erste Mal Angst einholte, die nichts mit der Vorstellung einer leeren Klopapierrolle zu tun hatte, war es Freitagabend, 28. Februar. Deutschland hatte seine allerersten Fälle und die erste Folge des NDR-Podcasts mit Christian Drosten lag noch ein paar Tage entfernt. Und mein Kopf so: was, wenn wir sterben? Die Dramaqueen in mir sah es schon ganz genau vor sich, die Hypochonderin in mir war stolz, schon vor Corona-Zeiten einen Hang zum Desinfektionsmittel-Hamstern besessen zu haben, und irgendwo dazwischen ahnte ich, dass diese Semesterferien alles sein könnten, nur nicht so wie wir sie uns vorgestellt haben.

Am Bizarrsten fand ich lange Zeit, wie schön und leicht mein Alltag in den ersten Wochen der Corona-Krise noch war. Frühlingsanfang, Sonnenstrahlen und Schwarzwald-Touren mit meinen Freunden, mit denen ich ja ohnehin zusammenlebe. Die potentielle Wohnheim-Quarantäne war in unserer Vorstellung echt lustig (hahaha, liebe Grüße vom Quarantäne-Stockwerk an mein Ich der Vergangenheit, gesendet mit meiner Verzweiflung). Nie werde ich die Absurdität der Momente vergessen, in denen ich mit meinen Mitbewohnern beim gemütlichen Frühstück saß (um halb elf, schließlich haben wir unser Leben im Griff!), während in ganz Europa die Infektionszahlen stiegen und stiegen und wenige Kilometer entfernt von uns im Elsass schon das schreckliche Wort Triage das Geschehen bestimmte.

Am Tag der Fernsehansprache von Frau Merkel reiste eine meiner Mitbewohnerinnen überstürzt ab, aus Angst, später keinen Zug mehr nach Hessen zu bekommen. Wir sagten Tschüss, ohne zu wissen, wann wir uns wiedersehen würden. „Fühlt sich ein bisschen wie Krieg an.“ sagte mein Mitbewohner.

Wenn ich zurücksehe, war es dieser Tag, an dem uns zum ersten Mal bewusst wurde, wie viele Zahlen, Entwicklungen und Entmutigungen 24 Stunden beinhalten können, und wie anstrengend es ist, wenn das mehrere Tage hintereinander passiert. Jetzt schon hat jeder von uns seine eigene Corona-Geschichte mit Plottwists und Feinden. Abgesagte Reisen, Heimflüge zwei Tage nach Ankunft am anderen Ende der Welt, Angst um das Umfeld, Angst um sich selbst, Lagerkoller, Zukunftsangst. Die Endlichkeit des Lebens hängt seitdem als roter Zettel an der Wand. Ich muss mich damit befassen, dass ich, trotz grundsätzlich guter Prognose, mit meinem Asthma in die Risikogruppe falle. Ich fing an, meine Gedanken mit allen möglichen Dingen in eine gute Richtung zu lenken. Was mir hilft: schwarzer Humor mit meinem Stockwerk („Corona!“ anstatt von „Gesundheit!“ hat sich erschreckend schnell und nachhaltig etabliert), Balkongespräche mit meinen Freundinnen vom Wohnheim, Sprachnachrichten mit meinen Freunden, mit denen ich schon seit meinem letzten Heimatbesuch vorbildlich Social Distancing betreibe, und lange, ausgedehnte Spaziergänge an der Dreisam. Einmal, als ich die letzten beiden Punkte geschickt verbunden habe, stand ich am Ufer und meine Freundin Sherin sagte aus dem Handy: „Und weißt du was, Tabitha? Dieses Leben, wir leben es immer noch.“ Ich stand da so, der Wind wehte, die Dreisam rauschte, eigentlich wäre ich in Frankreich, eigentlich hätte ich keine Angst, eigentlich wäre die ganze Welt eine andere, und ich dachte: Ja.

Weil, wir leben doch, oder? Es ist ein anderes Leben, aber es ist EIN LEBEN. Dass wir morgens aufwachen und dankbar sein können, gesund zu sein – wenn wir ehrlich sind, war das immer schon so. Weil zum Leben unweigerlich sein Ende gehört, weil niemand von uns unsterblich ist, und es immer, zu jedem Moment vorbei sein könnte. In seinem Kern, was ist dieses Leben? Atmen und Fühlen. Alles andere ist optional. Vieles davon, was unser Leben bisher getragen hat, ist vorübergehend auf Pause gestellt. Es fehlt uns. Gleichzeitig ist alles wie immer, auf der Suche nach Glücklichsein und Erfüllung. Es kommt nicht darauf an, was wir tun, sondern was wir dabei fühlen. Wenn wir an einem lauen Abend auf dem Balkon im Videochat mit unseren Freunden genauso glücklich sein können wie bei einem Bier an der Dreisam, dann lasst uns nicht darüber nachdenken, was wir verpassen. So viel bleibt noch übrig, wenn wir unseren Blick dafür schärfen. Ich weiß, das sagt sich leicht für mich, die noch vier Mitbewohner und drei ungelesene Bücher hat, und schon immer gerne alleine war. Ich weiß, dass es bei weitem nicht für alle so leicht ist. Es macht mir Angst, dass die Suizidraten steigen werden, und die Fälle häuslicher Gewalt. Vielleicht macht es gefangenen Menschen Hoffnung, dass das alles endlich ist, und vorüberziehen wird, um einer Freiheit Platz zu machen, die wir mehr wertschätzen werden als jemals zuvor.

In diesem Leben, das wir immer noch leben, ist vieles nicht einfach. In manchen Momenten spüre ich fast, wie ich an meine Grenzen stoße. Die Fallhöhen sind höher geworden. Manche Tage hören völlig anders auf als sie angefangen haben, meistens frustrierender. Dann fühlt sich der nächste Morgen mit blauem Himmel und Vogelgezwitscher nicht schön an, sondern hauptsächlich ironisch. Ich kann dann nichts weiter tun, als mir das Ende dieses Dramas vorzustellen, erlösende Umarmungen, neu errungene Stärke und leckere Nicht-Vollkorn-Pasta inklusive. Wenn wir an dieser Zeit wachsen und etwas lernen, anstatt stehenzubleiben, ist es das wert. Bis dahin reizen wir die kleinen Höhepunkte aufs Äußerste aus: die Videos der italienischen Balkon-Konzerte und die deutschen Blasmusik-Pendants, Regenbogen in den Fenstern, Videoanrufe mit Freunden, spannende Ausflüge zur Waschmaschine, Taschenlampen-Grüße vom Balkon gegenüber (Grüße zurück). Die Erkenntnis, dass alles irgendwie zur Gewohnheit werden kann. Dass wir zwar nicht für alles bereit sind was kommt, aber dass uns alles, was kommt, bereit macht. Für das, was als nächstes passiert. Ich glaube daran.

„Ich hab mir die Ferien auch anders vorgestellt.“ seufze ich in mein Handy, nachdem ich erfolgreich den Reflex verdrängt habe, zwei Treppen tiefer an Elsas Tür zu klopfen. Die Nudeln sind dann jetzt auch kalt geworden, aber hey, das heißt ja nur, dass ich nochmal zur Küche laufen und sie in die Mikrowelle stellen darf. Man muss die kleinen Dinge schätzen – in einem Leben, das wir immer noch leben.


DANKE, könnte ich eigentlich unter jeden Blogpost schreiben, ist mir heute aber besonders wichtig. Stellenweise ist dieser Text so optimistisch, dass es sich schon fast falsch anhört. Die Wahrheit ist, meine Stimmung schafft momentan Sprünge von Gelassenheit zu Hysterie in weniger als fünf Sekunden. Was völlig in Ordnung ist, für jeden von uns. Aber ich kann dazwischen nur gelassen sein, weil ich die tollsten Menschen der Welt kenne, die zu jeder Zeit für mich da sind. Danke, dass es sich mit euren Worten, eurem Zuhören und eurer Beruhigung so anfühlt, als wärt ihr alle direkt hier neben mir im 12-Quadratmeter-Zimmer. Danke, dass wir das zusammen schaffen, und sich keiner alleine fühlen muss. Passt auf euch auf, ich zähle die Tage, bis wir uns wieder umarmen können.

Danke an all die Menschen da draußen, für die es derzeit keinen Feierabend und keine Sicherheit mehr gibt, die ihre gesamte Kraft dafür einsetzen, die Katastrophe abzufedern, egal ob in den Krankenhäusern, den Arztpraxen und Abstrichzentren, den Laboren, den Supermärkten oder den vielen weiteren systemrelevanten Berufen. Wenn wir das alles schaffen, dann wegen euch. Lasst uns fest darauf vertrauen!

The sun will rise to better days.


Eine kleine Sammlung der schönen Momente aus dieser Zeit:

Mein Name ist Tabitha Anna und ich bin 20 Jahre alt. Ich komme aus dem Süden von Baden-Württemberg und liebe es, zu lesen, zu schreiben und zu reisen. Seit Oktober 2019 studiere ich Sprach- und Literaturwissenschaft in Freiburg im Breisgau.