What I go to school for

Kategorien Tagebuch

…oder besser gesagt: wofür ich nicht in die Schule gehe.

Ich weiß, dieser Einstieg ist eventuell etwas abrupt, aber ich gehe zum Beispiel auch nicht zur Schule, um ewig lange Einstiegstexte zu lesen oder zu schreiben, bei denen eh nur um den Punkt herum geredet wird. Eigentlich bin ich ja eine Verehrerin der Worte, aber bei der Frage, wofür ich nicht zur Schule gebe, reichen drei Wörter als Antwort völlig aus:

Mathe, Physik, Chemie.

Natürlich sind da noch eine ganze Menge anderer Fächer, in denen ich regelmäßig aus irgendeinem hochnachvollziehbaren Grund die Krise kriege, aber die ungebrochenen Spitzenreiter seit Jahren sind diese 3 naturwissenschaftlichen Fächer. Ich erinnere mich noch dunkel an meine ersten Tage auf der Grundschule. Damals war ich wirklich noch richtig fanatisch auf die Schule. Freudenstrahlend und wundersamer Weise sogar ausgeschlafen habe ich Morgen für Morgen meinen Schulranzen geschnappt und bin zusammen mit meinem Nachbar zur Schule gelaufen. Deutsch, Englisch, Mensch-Natur-Kultur, Musik, Sport, Technisches Werken ( inform von Häkeln, Basteln, Malen :-D), der ganze Unterricht war für mich ein einziges Spaßprogramm weil ich alles so cool fand. Und es war auch nur ein ganz kleines bisschen langweilig, als die anderen Schüler mühsam versuchten, die Seite im Lesebuch vorzulesen, die komplett nur mit La La La La bedruckt war. Ich hatte halt das Glück, schon ein Jahr vor meiner Einschulung lesen gelernt zu haben, seitdem hatte man mich selten ohne Buch gesehen. Wie ihr seht, es war alles schön und gut – bis ich eines schönen Tages meine erste Mathestunde hatte.

Ganz unvoreingenommen bin ich da natürlich nicht reingegangen, ich hatte ja davor schon gemerkt, dass mir Lesen lernen mehr Spaß als Zählen lernen gemacht hatte, und die „großen Jungs“ (inform von Zweit- und Drittklässlern) haben uns „Kleinen“ oft genug vorgejammert, wie schweeeer und kompliziert Mathe doch war (Addition und Subtraktion damals oder? :-D) Aber hey- dass es so langweilig werden würde, hätte ich niie gedacht!

Das war also der Beginn meiner Liebe zu Mathematik. In den Jahren darauf wurde ich in Deutsch und Englisch immer besser, aber Mathe war und blieb mein Hassfach. Mathe war übrigens auch das Fach, in dem ich zum ersten Mal „nur“ eine 1-2 schrieb, und als bisher nur Einsen gewöhnte, überehrgeizige Erstklässlerin war das schon echt hart 😀

Würde ich in Mathe heute eine 1-2 schreiben, würde ich Luftsprünge machen, die Decke sprengen und die Welt umrunden 😀

Denn leider bewegt sich mein Notenspektrum mittlerweile immer so zwischen 3, 4 und 5, und ich stehe ach so lustiger Weise direkt vor der Kursstufe, die ja bekanntermaßen sowieso nur der Deckname für „Untergang“ ist. Mathe und ich haben im Laufe der Jahre eine Menge zusammen erlebt, nur leider mehr Tiefen als Höhen, auch wenn sich im einen oder anderen Schuljahr sogar auf wundersame Weise ein Zweier in mein Mathezeugnis geschlichen hat. Generell stehen wir leider immer noch gleich zueinander: ich verstehe Mathe nicht, und Mathe mich offensichtlich auch nicht, ansonsten hätte es doch längst mal einsehen müssen, dass es mich am Besten einfach in Ruhe lassen sollte. Stellvertretend für den leider ziemlich abstrakten Charakter „Mathe“ quälen mich meine Mathelehrer. Nicht mal bewusst, ich meine ich bin eine Schülerin von 28 Schülern und werde gleich behandelt wie alle andere auch, aber mich quält leider schon alleine die Tatsache, dass es tatsächlich Leute gibt, die dieses Fach mögen und sogar studieren. Ich schwanke dann immer zwischen Mitleid, Unverständnis und Scham, weil ich so eine eingeschränkte Sichtweise habe. Ich kann mich wirklich so gar nicht reinversetzen in diese Leute und das ist mir wirklich peinlich, weil ich Toleranz und „Jedem das Seine“ eigentlich total wichtig finde.

Mich versteht auch nicht jeder (beziehungsweise ungefähr keiner) wenn ich sage, dass Französisch ma grande Passion ist und dass ich einen Tag ohne Schreiben nicht überleben kann. Jedem das Seine. Nur dass Mathe nicht meins ist und ich es trotzdem machen muss!

Im Laufe meiner Jahre am Gymnasium haben sich dann zu Mathe noch zwei nette Kollegen gesellt, die sich „Physik“ und „Chemie“ nennen. Aufgeklärt und erwachsen wie ich zu dieser Zeit (selbstverständlich) schon war, war ich vorgewarnt. Physik hat sich nahtlos und ungefragt eingereiht in meine Reihe der schlechtesten Noten. Chemie blieb erstmal verhaltener und bis zur ersten Arbeit in der zehnten Klasse war ich da eigentlich auch immer im 2er-Niveau. Interessiert hat es mich trotzdem nie. Elektrizität? Schön und recht, dass ich Licht habe und genug Strom, um diesen Blogpost zu schreiben, aber wozu genau muss ich wissen wie man die Spannung und den Widerstand berechnet? Und es freut mich ja wirklich außerordentlich, dass Dalton damals auf die geniale Idee mit dem Rosinenkuchenmodell kam, aber das einzige Gefühl dass diese Botschaft in mir erweckt hat, war nunmal Hunger. Auf Kuchen. Aber lieber ohne Rosinen.

Dann solche Sachen wie „das Verhalten von X gegen Unendlich und gegen Minus Unendlich“. Für mich gibt es hier nur unendlich, und zwar unendlich sinnlos. Schade nur, dass mein Mathelehrer das anders sieht. Manchmal habe ich das Gefühl, ich sitze vor einer Wand, und hinter dieser Wand verbirgt sich der Sinn der Schulfächer „Mathe“, „Chemie“ und „Physik“. Die Leute in meiner Klasse, die später mal was mit diesen Sachen machen wollen, Elektriker, Techniker und Ärzte zum Beispiel, sitzen bereits auf der anderen Seite der Wand und lernen fleißig, was der Unterschied zwischen gesättigten und ungesättigten Fettsäuren ist (wobei wir schon wieder dabei wären dass ich ungesättigt bin und jetzt DEFINITIV einen Kuchen essen möchte), während ich das meterdicke Beton der Wand mit irgendwelchen Gedichten oder Gedanken vollmale, um es ein bisschen zu verschönern. Das, meine liebsten Leser, beschreibt ungefähr mein Zustand in jeder Mathe-, Chemie- und Physikstunde.

So humorvoll ich das Ganze jetzt erzähle, die Wahrheit ist dass ich trotzdem noch bei fast jeder Arbeit in diesen Fächern in einen außerordentlichen Verzweiflungszustand gerate. Vor allem dann, wenn ich wieder mal tagelang (beziehungsweise bei meinem tollen Zeitmanagement eher nächtelang) gelernt habe, und dann vor der Aufgabe sitze und mir einfach nur denke: waaaaaaas? Ich finde, so langsam könnte sich bei mir mal eine gewisse Resignation/ Akzeptanz einstellen, so nach dem Motto: Ich kann es einfach nicht, und ich brauche es nie wieder und fertig. Die tritt bei mir immer erst viel zu spät ein, sodass ich immer erst den halben Tisch vollheulen und mein nicht-wasserfestes Schminken bereuen muss, bevor ich mich abfinden kann. Wer unbedingt noch mehr über meinen Post-Klassenarbeit- Zustand wissen möchte, kann hier gerne nachlesen, wie wunderbar und supertoll es mir nach der vorletzten Mathe-KA dieses Jahr ging.

Stellt euch das vor, manchmal machen mich schon die Aufgabenstellungen unglaublich traurig.

Es werden zwei Würfel geworfen. Wenn das Produkt X der Augenzahlen mindestens 10 beträgt, erhält man X Cent ausgezahlt, sonst nichts.

Mein einziger Gedanke: wie kommt man denn bitte auf sowas???? Welcher Mensch hat zuhause nichts anderes zu tun als sich mit zwei Würfeln und deren Augenzahl zu befassen??? Ich war richtiggehend bestürzt, und hätte am liebsten beim Verlag unseres Mathebuches angerufen um mich zu erkundigen, ob der Verfasser dieser Aufgabe schon noch einen Sinn im Leben sieht.

Jaa, so viel zum Thema ich bin tolerant und akzeptiere die Interessen, Leidenschaften und Meinungen anderer. Alle sollen verstehen, dass das Schreiben für mich das Wichtigste ist und dass ich ohne Fantasie nicht leben kann, aber ich darf auf denen rumhacken, die sich für eine erwiesene, wirklich lebensnotwendige Wissenschaft interessieren, und vor allem im Gegensatz zu mir intelligent genug sind, sie auch zu kapieren. Das will ich natürlich nicht. Und die Wahrheit ist: ohne den Strom von der Physik und die Arzneimittel aus der Chemie und den zahlreichen Berechnungen aus der Mathematik würden wir gar nicht mehr existieren können. Der Tritt mit dem Schweinsteiger den Ball ins Tor der Ukrainer befördert hat- nichts als Physik. Das Ladekabel, an dem mein Laptop hängt – pure Elektrizität. Die Schmerztabletten die mir das Kopfweh nehmen – beschreibbar mit einer chemischen Formel. Und und und.

Es stimmt. Man braucht es. Aber soll ich euch was sagen? Ich bin so froh, dass es genug andere Leute gibt, die das gerne machen!! Denn so lange kann ich mich dem Schreiben widmen, und dem Klavier spielen und dem Französisch reden. Apropoos Französisch – morgen schreibe ich meine schriftliche DELF B1 Prüfung, und ich hoffe mal schwer, dass die besser laufen wird als Chemie heute.

Physik wird in wenigen Wochen aus meinem Leben verschwinden ( der Oberstufe sei Dank!!) und Mathe und Chemie werde ich schon auch noch irgendwie durchs Abi bringen. Und dann heißt es: Au revoir la science et bonjour le francais! Mein momentaner Traum ist nämlich ein Französischstudium, und auch wenn sich das in den nächsten Jahren garantiert noch tausend Mal ändern wird, eins weiß ich sicher: dass ich für Chemie, Mathe und Physik definitiv nicht zur Schule gehe.

 

Mein Name ist Tabitha Anna und ich bin 22 Jahre alt. Ich komme aus dem Süden von Baden-Württemberg und liebe es, zu lesen, zu schreiben und zu reisen. Seit Oktober 2019 studiere ich deutsche und italienische Sprach- und Literaturwissenschaft in Freiburg im Breisgau.