Was ist Weihnachten für dich?

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Der Dezember ist jetzt schon ganze 9 Tage alt und ich weiß nicht, wer dieses Gesetz erfunden hat, aber irgendwie passiert im Dezember immer am meisten. Als müsste das Jahr in diesem letzten Monat noch einmal richtig Schwung holen und alles entweder durcheinanderbringen oder endlich an die richtige Stelle rücken. Das merke ich gerade Tag für Tag, aber alles in allem ist mein Leben so gut und heute ist es mir einmal mehr klar geworden.

Es gibt ein paar Bestandteile des Advents, die wiederholen sich jedes Jahr und wenn es sie nicht gäbe, wäre es auch nicht richtig Advent. Ein Beispiel dafür ist der Adventsimpuls, den unsere Schule hat, und zu dem wir jedes Jahr aufs Neue ziehen. Da sitzen dann sämtliche Relikurse in einer Kirche und hören äußerst interessiert zu, was unsere Relilehrer geplant haben. Ich finde den Impuls gut, er gehört zum Advent einfach schon dazu und reißt einen für zumindest eine Stunde raus aus dem zur Zeit irrsinnig stressigen Schulalltag. Gestern hatten wir diesen Adventsimpuls, aber was mich zum nachdenken gebracht hat war nicht diese Stunde in der Kirche, sondern die Relistunde danach.

Vor Jahren wurde an unserer Schule festgelegt, dass immer die Elftklässler des katholischen Relikurses den Abschlussgottesdienst vor den Weihnachtsferien gestalten „dürfen“. Das sind in diesem Fall wir, und natürlich haben wir uns gleich mit Feuereifer auf diese Aufgabe gestürzt, weil wir ja auch sonst nichts zu tun haben und es uns zuhause ansonsten praktisch nur langweilig werden würde. Trotz der Umstände haben wir uns vorgenommen, den Gottesdienst so angenehm es geht zu gestalten. Wir sind dabei zu dem Entschluss gekommen, dass wir Weihnachten einmal nicht auf die kritische Art beleuchten, wie es sonst oft der Fall ist. In Zeiten von Terror, Angst, Hass und Gewalt wollten wir dieses Jahr den Fokus auf die schönen Seiten von Weihnachten richten, und haben dazu das schlichte Leitthema beschlossen: Was ist Weihnachten für dich?

Also: Was ist Weihnachten für dich?

Wir haben uns daraufhin auf die Suche gemacht nach Leuten, die dazu was zu sagen haben. So verschieden wie unsere Gesellschaft ist, so vielseitig sollten auch die Antworten sein.

Meine 5-jährigen Cousins/Cousinen sagen: „Das Coolste an Weihnachten sind die Geschenke. Und dass man die Kerze anzünden darf!“

Meine achtjährige Cousine schwärmt von Zeit mit der Familie, sie hat schon kapiert worauf es ankommt, und meine Schwester wünscht sich weiße Weihnachten für das perfekte Weihnachtsgefühl. Der kleine Cousin meiner Klassenkameradin singt In der Weihnachtsbäckerei und grinst dabei über das ganze Gesicht. Weihnachten, so wie wir es von früher in Erinnerung haben. Besinnlich, im Kerzenschein und friedlich.

Was noch fehlte, war ein etwas anderer Blickwinkel. Einer, der unsere Vorstellung über Weihnachten komplett macht. Dafür hat unsere Religionslehrerin heute Ayo*, einen Flüchtling aus dem Gammertinger Asylcafé mitgebracht. Im Asylcafé war ich selber schon zu Besuch, diese Erfahrung könnt ihr hier und hier gerne nachlesen. Auch während der Zeit des Europakonzils in Straßburg habe ich viele Erfahrungen in Gesprächen und Aktivitäten mit Flüchtlingen gesammelt, und trotzdem war es am Anfang sehr schwer für uns alle, mit dem etwa 30 Jahre alten Ayo zu reden.

Was fragt man jemanden, der seit 2014 in Deutschland ist und davor ein Leben führen musste, das wir uns gar nicht vorstellen können?

Als das Eis ein bisschen brach, begannen wir dann doch ein Gespräch, und schnell klappte die Verständigung ohne Probleme. Zunächst erzählte Ayo uns in erstaunlich gutem Deutsch von Weihnachten in Eritrea. Das findet übrigens erst am 07. Januar statt, wird ansonsten aber gefeiert wie bei uns: es gibt ein großes Fest, alle kommen zusammen und gehen zusammen in die Kirche. Nur, dass bei uns vermutlich keiner auf die Idee kommen würde, fünf Tassen Kaffee am Tag zu trinken. Dass Kaffee in Eritrea anders ist, anders zubereitet wird und auch in anderen Mengen konsumiert wird, haben wir gestern ebenfalls gelernt. Wer weiß, wozu wir es noch brauchen können 😉

Hier in Deutschland kann Ayo nicht mit seiner Familie feiern. Die Geschwister sind auf der ganzen Welt verteilt, die Eltern und die jüngste Schwester noch in Eritrea. Er feiere mit Freunden, erzählt er uns, die er in der Unterkunft in Gammertingen kennengelernt hat. Mit einem Grinsen fügt er hinzu: Genau genommen feiern wir Weihnachten zwei mal. Einmal im Dezember, wenn ihr alle feiert, und einmal im Januar.

Ayo kam 2014, also noch vor der großen Welle an Flüchtlingen, nach Deutschland. Eritrea gilt als unsicheres Herkunftsland, Asylanträge werden daher angenommen. Trotzdem musste Ayo zwei Jahre lang warten, bis seine Papiere dort ankamen, wo sie hingehörten. Hoffen und Bangen, wenig Kontakt in die Heimat- aus Kostengründen. Wir hören schweigend zu und wissen nicht, was wir sagen sollen, erst recht nicht, als uns Ayo von seiner langen, beschwerlichen Flucht erzählt. In der Schule haben wir Filme über den human traffic gesehen, im Fernseher dominierten 2015 die Bilder von überfüllten, viel zu kleinen Booten auf dem Meer. Das alles hat Ayo am eigenen Leibe erfahren, und es direkt von ihm zu hören ist mit der Flut an Medien, die uns Tag für Tag umgibt, kaum zu vergleichen. Jetzt sitzt er einfach so neben uns, und doch trennen uns Welten, Erfahrungen die kein Mensch erleben sollte.

„I´m one of the lucky ones.“ sagt Ayo am Ende, weil ihm Englisch etwas leichter fällt als Deutsch. „Because I made it to Germany. I got to know some who didn´t.“ Ayo hat Menschen sterben sehen, für ihn ist Weihnachten ein Fest der Dankbarkeit und des Glücks- und wenn er doppelt feiert, dann hält das hoffentlich auch doppelt so gut. 😉

Als es nach Religion klingelte und ich mit meinen Freunden Richtung Kunstsaal lief, fühlte ich mich seltsam. Leicht und schwer gleichzeitig, es war als hätte ich einen neuen Blickwinkel auf die Welt bekommen. Wir sind Ayo sehr dankbar, dass er seine Geschichte mit uns geteilt hat und hoffen für seine Zukunft und die seiner Familie nur das Allerbeste.

Bei allen Menschen, die uns ihre Geschichte zu Weihnachten erzählt haben, haben wir unsere Kamera geschnappt und draufgehalten. Entstanden ist der Film: Dein Weihnachtsfest- was ist Weihnachten für dich?

Wenn ihr jetzt noch zufällig Schüler des Gymnasium Gammertingens seid, kann ich euch dringenst empfehlen, den Abschlussgottesdienst am letzten Schultag zu besuchen. Also – macht ihr natürlich sowieso alle 😉 Dort präsentieren wir den Film und freuen uns über jeden, der zuschaut.

Ansonsten wünsche ich euch noch eine entspannende (oder turbulente, wie man es nimmt) Adventszeit!

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*Ayos richtigen Namen haben wir an dieser Stelle nicht verwendet.

Mein Name ist Tabitha Anna und ich bin 22 Jahre alt. Ich komme aus dem Süden von Baden-Württemberg und liebe es, zu lesen, zu schreiben und zu reisen. Seit Oktober 2019 studiere ich deutsche und italienische Sprach- und Literaturwissenschaft in Freiburg im Breisgau.