On the road alone | Vom Alleinereisen  

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Diese Geschichte beginnt mit der Tatsache, dass wir manche Wege nur alleine gehen können. Alleine gehen müssen. Und als Folge dessen auch alleine gehen wollen – am liebsten für immer. Die Geschichte braucht genau zwei Protagonisten: dich und deinen Rucksack. Die Nebencharaktere triffst du auf dem Weg. Oder gar nicht. Und merk dir vielleicht noch eine Zeile: Doesn´t mean I´m lonely when I´m alone.
Ich würde sagen: die Reise kann beginnen.

Mich hat eine Nachricht erreicht, ob ich nicht einmal über das Alleinereisen schreiben könnte. Erstens: Danke! Das war eine gute Idee, auf die ich selbst gar nicht gekommen wäre. Zweitens: das Wort „Alleinereisen“ wird mir von MS Office Word gerade rot unterkringelt, aber nehmen wir das einfach zum Anlass, diesem Text einen Neologismus zu verpassen. Es wäre durchaus angebracht, Alleinereisen zu einem offiziellen Wort der deutschen Sprache zu machen.

Ich selbst bin bisher insgesamt drei Mal alleine gereist. Also ich definiere hierbei Alleinereisen als eine Reise, bei der am Ziel keiner auf dich wartet. Ich war auch schon alleine unterwegs nach Bielefeld, Dieppe oder Leibniz, aber am Ende der Fahrt standen entweder Marina, meine französische Freundin oder meine Gruppe von der Jugendliteraturwerkstatt Graz am Bahnhof.

Schon auf diesen Fahrten habe ich die Erfahrung gemacht, dass im Zweifelsfall immer jemand in der Nähe ist, der a) in Notfällen weiterhelfen oder b) zum interessanten Gesprächspartner werden kann – gegebenenfalls auch die ganze Nacht. Das habe ich mal mit Henri erlebt – hier die Geschichte dazu.

Diese Erfahrung bestärkte mich, 2017 war ich zwei Tage alleine in Graz, 2018 einen Monat alleine auf den Äolischen Inseln und 2019 für 10 Tage alleine in Dänemark. Es ist nicht so, dass ich ziel- und planlos losgereist bin, oder es bewusst alleine tun wollte. In Graz stand eine Preisverleihung der Literaturwerkstatt an, zu der mich keiner begleiten konnte, in Italien war das Alleinereisen eine Vorgabe der zis-Stiftung für Studienreisen, und für Dänemark hat sich schlichtweg keine Reisebegleitung ergeben. Fakt ist aber, ich saß damals in Graz auf dem Schlossberg und habe den Sonnenaufgang gesehen (teilt eigentlich gar niemand meine Theorie, dass man einen Ort erst dann richtig kennt, wenn man ihn einmal im stillen Morgengrauen gesehen hat?), und ich habe mich so frei gefühlt wie nie zuvor. Ohne dieses überwältigende Gefühl hätte mir der Mut gefehlt, alleine für vier Wochen nach Sizilien zu reisen. Definitiv.

Deswegen ist das mein erster Tipp:  das Alleinereisen beginnt man am besten Stück für Stück. Es reichen für den Anfang wenige Tage, und es muss auch nicht das andere Ende Europas sein. Wer das Reisen liebt weiß, es kommt viel weniger auf das Ziel und die Ästhetik eines Ortes an, als auf die Abenteuer und die Begegnungen auf dem Weg dorthin.

Alleine ist man nicht alleine

Ja, da ist dieser erste Schritt aus deiner bekannten Welt. Der macht Angst. Der scheint Kraft zu kosten, mehr als man es von der Besteigung einer Bustreppe erwarten würde. Aber merke dir: Alleinereisen bedeutet eigentlich nur, die Reise alleine zu beginnen. Ich würde fast so weit gehen, Alleinereisen durch „Reisen mit Freunden, die du noch nicht kennst“ zu ersetzen. Auch wenn das die Aufnahmekapazität für Neologismen der deutschen Sprache dann deutlich überstrapazieren würde.

Wenn du alleine reist, bist du so darauf angewiesen, Menschen kennenzulernen, dass du ganz anders darauf konzentriert bist, als wenn du mit Freunden unterwegs bist. Es fällt auch anderen leichter, dich anzusprechen. Du wirst ganz sicher nicht die einzige Person sein, die alleine ist. Es ist Teil der Magie, dass an jedem Ort jemand auf dich wartet, der mit seiner Geschichte in der Lage ist, dein Leben zu bereichern, der dir beisteht und sämtliche Miseren mit dir teilt, oder – noch besser – eine Lösung auf Lager hat.

Trotzdem kannst du dir Grundbedingungen schaffen, die es dir einfacher machen, auf Menschen zu treffen.

Eine Reise mit einer Stiftung wie zis, die mit einem gewissen Forschungsauftrag verbunden ist, schafft beispielsweise optimale Grundbedingungen, denn um deine Recherchen voranzutreiben, musst du schlichtweg Kontakte knüpfen.

Neben Recherchereisen sind auch Interrailreisen strukturell dafür geschaffen, auf andere Reisende zu treffen.

Elementar ist auch die Wahl der Unterkunft. Was gar nicht geht: Hotels. AirBnBs sind ein bisschen besser, zumindest wenn der Gastgeber selbst auch vor Ort ist und ihr somit einen direkten Ansprechpartner habt. Ich habe mich in meinem AirBnB in Aarhus oft einsam gefühlt, und war ziemlich weit entfernt vom Zentrum. Einen Abend hatte ich die Möglichkeit, mit ein paar Studenten feiern zu gehen, und musste absagen, weil mir vor dem langen Weg zurück im Dunkeln graute. Hostels oder Jugendherbergen dagegen sind oft sehr zentrumsnah gelegen, sind preiswert und bieten Aktivitäten wie Pub Crawls oder Free walking tours an, während denen das Kontakteknüpfen dann ganz automatisch funktioniert.

Sehr preiswert, genauer gesagt gratis, ist die Plattform Couchsurfing. Hier hast du auch einen unmittelbaren Ansprechpartner, der in der Regel sehr daran interessiert ist, dich und deine Kultur kennenzulernen, und dir seine eigene näherzubringen. Eine bessere Möglichkeit, das alltägliche, reale Leben am Reiseort kennenzulernen, gibt es nicht. Das weiß auch meine Freundin Caro. Seit vier Monaten ist sie mit Couchsurfing im Süden Europa unterwegs. Ihrem Instagramprofil birkontravel zufolge beherrscht sie jetzt 1. Italienisch, 2. Die Zubereitung von Gnocchi Pomodoro und sämtlichen anderen italienischen Speisen und 3. Die höchste Kunst des Reisens: an jedem Ort ein Zuhause zu finden – in den Menschen, die sie trifft. Fünf Minuten auf ihrem Instagramprofil, und man will nur noch losreisen (und bestenfalls vorher noch Couchsurfing aufs Handy laden. Und Packen, für ungefähr ein Jahr.)  

Grundsätzlich ist meine Erfahrung, dass man in kleinen Ortschaften leichter alleine ist. Nicht unbedingt, weil Großstädte prinzipiell natürlich höhere Gewaltraten aufweisen. Aber ein Merkmal von Städten wie Kopenhagen ist und bleibt die Anonymität, mit ihr wurde ich während meines Aufenthaltes dort ausreichend konfrontiert. An kleinen Orten herrscht oft ein deutlich stärkeres Zusammengehörigkeitsgefühl, anderseits sinken natürlich auch die Möglichkeiten und die Zahl an anderen Reisenden. Vielleicht muss man das ein bisschen für sich selbst wissen, mich hat die Kindheit auf dem Land umfassend geprägt (zum Glück ziehe ich bald in eine Stadt mit 230 300 Einwohnern).

Sehr zu empfehlen sind meiner Meinung nach auch Gruppenreisen. Mein bester Freund und ich waren in Zentralamerika zwei Wochen mit der Reiseagentur G Adventures unterwegs. Wir haben sehr gute Erfahrungen gemacht und in unsere Gruppe auch viele Alleinreisende kennengelernt, die folglich nicht mehr alleine waren. Für sie war es die beste Möglichkeit, sicher durch Zentralamerika zu reisen.

Optimal für das erste Mal Alleinereisen ist sicher auch Taizé. In der Communauté im Burgund kommen jedes Jahr Tausende von Jugendlichen zusammen. Um es in den äußerst treffenden Worten eines Freundes von mir zu sagen : Probably the only place in the world where you can jump straight from a solemn prayer around the cross in the church of reconciliation to joining 0 people from around the world singing “Wonderwall” with a beer in hand in a night under the stars.

Alleine sein heißt nicht einsam sein

Update: ich habe „Alleinereisen“ mittlerweile zum WORD- Wörterbuch hinzugefügt. Die roten Linien sind folglich weg, und dem Bestandteil „Alleine“ wird eine für sich stehende Bedeutung beigemessen. Ich würde sagen, die Begegnungen mit anderen sollten ungefähr zu 50 Prozent in Verhältnis stehen mit der Zeit, die du wirklich alleine verbringst.  Das lässt sich nicht vermeiden.


Und ja, es gibt scheiß Tage.  Lasst uns also über diese Schattenseite reden, denn sie existiert. Was nützt es, zu leugnen, dass man manchmal wirklich schlichtweg einsam ist? Dann ist da keiner zum Reden, keiner der Trost spendet oder schöne Momente teilt. Ständig ist man für sich verantwortlich, muss an alles denken und stets sicherstellen, dass man im richtigen Bus sitzt oder sich nicht wohlmöglich im Gespräch mit einem Massenmörder befindet. Auch ich habe schon die eine oder andere brenzlige Situation durch. Da war dieser Mann in Lipari, der kurz vor der Dämmerung und im strömenden Regen eine Spritztour zu einem Aussichtspunkt vorgeschlagen hat. Ich nenne ihn immer noch liebevoll den „Do-you-want-to-get-in-my-car-with-me”-Typ (und ich habe natürlich “No!” gesagt!).  Oder der Betrunke, der sich während meiner ersten Busfahrt in Aarhus neben mich gesetzt hat und nach kurzem dänischen Smalltalk pragmatisch körperliche Nähe gesucht hat – ich musste dann leider spontan aussteigen, undskyldning

Aus diesen tatsächlich kritischen Momenten schafft man es in der Regel immer, sich selbst zu befreien. Viel lähmender sind die Tage, an denen es sich anfühlt, als hätte jemand auf der Kasette namens „Leben“ auf Pause gedrückt. Weit weg von deinem persönlichen Umfeld, allen Beziehungen und Konflikten scheint sich plötzlich gar nichts mehr zu regen. Als wärst du eine Leiter nach oben geklettert und würdest von dort aus zusehen, wie alles weiter seinen Gang geht, nur du bist nicht dabei. Keine Interaktion, kein Fortschritt- Stillstand. Das wird noch schlimmer, wenn du auf das Unverständnis anderer stößt. Plötzlich fühlst du dich selber wie ein Freak, weil du alleine reist. Auch weil du bemerkst, was du alles nicht machen kannst, entweder weil es alleine keinen Spaß macht oder gar nicht möglich ist: Sightseeing, Tagestrips, im Restaurant essen gehen, Fotoshootings und so weiter. Vor allem in Städten, wo alle irgendwie zusammen sind, wird dir ständig vor Augen gehalten, wie alleine du bist. Mir ist wichtig, das nicht schönzureden. Das ist auch der einzige Tipp: nimm es einfach hin.

Es gibt da eine Youtuberin namens Toni Pure (eventuell ist sie meine absolute Lieblingsyoutuberin und ich zwinge euch hiermit, ihren Kanal zu abonnieren), und die hat mal zwei wichtige Sätze gesagt.

  • Erstens: Der einzige Weg da raus ist da durch.
  • Zweitens: You don´t grow while you´re comfort.

Wenn du da durch bist, und gewachsen bist, kannst du stolz auf dich sein! Auch wenn du es in diesen Schattentagen nicht siehst, lässt dich so eine Reise unglaublich reifen.

Und hier die Erleuchtung: du bist nicht allein – du bist zusammen mit dir selbst! Je weiter du entfernst bist von deiner Komfortzone und den Menschen, die normalerweise Tag für Tag um dich herum sind, desto größer ist die Chance, dass du da draußen auf dich selber triffst. Warte nicht darauf, es kommt von ganz alleine. Die Distanz zwischen dir und dem, was sonst dein Leben ist, verschafft dir einen viel klareren Blick darauf. Es fällt dir leichter, Beziehungen und Ereignisse zu bewerten und zu hinterfragen. Das Du, das du dort triffst, wird gerade von nichts und niemandem beeinflusst. Es verstellt sich nicht, es spielt keine Rolle. Es kann dir eine Menge darüber erzählen, wie es in dir drin aussieht.


Ich weiß noch, wie ich in Lipari stundenlang am Strand saß und wie wild in mein Tagebuch gekritzelt habe. Was sind die wichtigsten Dinge in meinem Leben? Was waren die prägendsten Momente? Ohne welche Menschen könnte ich nicht leben? Und welche tun vielleicht schon lange nicht mehr gut?

Der Prozess der Erkenntnis ist ganz schön anstrengend, und es erfordert Mut, sich selbst gegenüberzustehen, aber er erfüllt dich auf eine Weise, die du dir gar nicht vorstellen kannst.

Vor allem anderen zeigt dir eine solche Reise, wie stark du wirklich bist. Du wirst staunen, wie viel du plötzlich schaffst, viel mehr, als du es dir je zugetraut hättest. Das ist der Moment, in dem du realisierst: du bist frei. Du kannst alles schaffen, was du willst. Du brauchst nur dich, und du hast dich. Für den Rest deines Lebens. Wir sind unfassbar privilegiert für diese Freiheit. Unter dem Himmelszelt hält uns nichts. Wir können hingehen, wo immer wir wollen.

Zum Ende der Geschichte hin allerdings noch eines: fühlt euch niemals gezwungen, alleine zu reisen, nur weil es alle tun, oder weil eure innere Moral euch sagt, es wäre an der Zeit dazu. Reisen, egal in welcher Weise, soll sich immer richtig anfühle, und niemals zum Zwang werden.

Auf nächtlichen Straßen in Panama sind mein bester Freund und ich ziemlich weise geworden. Wir haben festgestellt, dass alles seine Vor- und Nachteile hat (welch bahnbrechende Erkenntnis, oder?); und genauso verhält es sich auch mit dem Alleine- beziehunsgweise Zusammenreisen. Ich wäre niemals mit 19 Jahren alleine nach Zentralamerika geflogen, so realistisch musste ich einfach sein. Jetzt kann ich alle meine Erlebnisse und Erinnerungen mit meinem besten Freund teilen, das ist auch ein großes Geschenk.

Ich wünsche euch immer eine gute Reise, egal wohin sie führt! Wir sehen uns, irgendwo da draußen, weit weg von unserer Komfortzone. Ich kann es kaum erwarten 😉

Mein Name ist Tabitha Anna und ich bin 20 Jahre alt. Ich komme aus dem Süden von Baden-Württemberg und liebe es, zu lesen, zu schreiben und zu reisen. Seit Oktober 2019 studiere ich Medienkultur- und Literaturwissenschaft in Freiburg im Breisgau.