Über die dunkleren Tage

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Vor zwei Tagen hat mir jemand erklärt, was der Albedo-Effekt bedeutet. Albedo ist die Einheit, die angibt, wie viel Strahlung eine nicht selbst leuchtende Oberfläche reflektieren kann. Je heller die Oberfläche, desto größer die Rückstrahlung. In arktischen Gebieten wird damit der Schweregrad des Klimawandels gemessen. Ansonsten ist es die Erklärung dafür, dass es draußen so unwirklich hell ist, seit es von Mittwochnacht bis Freitag ununterbrochen geschneit hat. Jetzt, wo vor dem Fenster der Schnee wieder schmilzt, und die Nacht hereingebrochen ist, denke ich an den Albedo-Effekt, und daran, wie dunkel alles ist, wenn wir nicht selber hell sind. Wie wir in der Mitte des dunkelsten Winter seit Langem stecken, und trotzdem jeden Morgen die Vorhänge aufziehen.

17 Tage ist es her, dass ein mehr oder weniger stilles Silvester ein mehr oder weniger katastrophales Jahr beendet hat. Seitdem: Lockdown-Verschärfungen, ein Sturm aufs Kapitol, Schneefälle. Unsere Erkenntnis, dass das hier kein Kartenspiel ist, das jedes Jahr neu aufgemischt wird. Wenn Leute scherzhaft vom längsten Dezember der Welt reden, kann ich das nur zu gut nachvollziehen. (Lediglich die Abwesenheit von Weihnachtsmusik und Christbäumen ist etwas irritierend?)

Wir sitzen also hier und harren aus. Verfolgen Todeszahlen und Infektionskurven. Auch dann, wenn wir schon längst keine Tagesschau mehr einschalten. Bedrückend, dachte ich, als ich vorhin in der Dämmerung spazieren war, es ist alles so bedrückend. Die Menschen, die an mir vorbei gelaufen sind, sahen auf eine bestimmte Weise alle gleich aus. Würde ein Zeitreisender eine Runde an der Dreisam drehen – er wüsste sofort, dass er sich das falsche Jahr ausgesucht hat. In letzter Zeit habe ich oft daran gedacht, was für mich das Markante an dieser Pandemie ist: man sieht seltener glückliche Menschen. Menschen, die mit einem Blitzen in den Augen ihrer Leidenschaft nachgehen, Helligkeit abstrahlen und uns mit ihrem Fröhlichsein anstecken. Ich habe deswegen angefangen, mir auf YouTube Videos von Konzerten anzusehen. Am liebsten mag ich den Zusammenschnitt von BBCRadio, in dem Leute wie Chris Martin und Bastille „Times like these“ von den FooFighters singen. It’s times like these we give and give again. Abgesehen davon ist es aber gar nicht so einfach, das jetzt noch zu erleben, wo man doch so wenig Menschen antreffen sollte wie möglich. Der Albedo-Effekt hat es schwer, seines Amtes zu walten. Und so sind die Tage alles in allem ziemlich dunkel.

Aber.

Momentan ist dieser „dunkel“- und „bedrückt“-lastige Text selbst ein einziges, Licht schluckendes Stück Asphalt. Deswegen wird es Zeit, über etwas anderes zu sprechen: Resilienz. Das ist mindestens genauso interessant wie der Albedo-Effekt. Die Resilienz ist ein Bereich der Psychologie, der sich mit der menschlichen Widerstandskraft beschäftigt. Jeder von uns trägt seine eigene Resilienz in sich, mit der wir individuell auf Krisen reagieren. Jenseits psychologisch-wissenschaftlicher Definitionen heißt das: da ist dieses Etwas in uns, das immer dann mit den Flügeln schlägt, wenn wir glauben, das war’s jetzt. Dieser einzelne Moment, wenn wir uns aufrichten, und im Spiegel unsere Augen blitzen sehen, und spüren, wie unser Herz weh tut, weil es so sehr wächst. (Das ist nämlich immer der Fall, wenn wir glauben, dass es gerade bricht.) Mit unserer Widerstandskraft haben wir jede Krise unseres bisherigen Lebens überstanden. Ohne das wir es zwingend bemerken, sammelt die Resilienz ihre Erfahrungen und wächst daran, lässt uns stärker werden. Wenn wir uns das vor Augen halten, fällt uns auf, dass wir selten zwei Mal hintereinander dieselbe Krise erleben, ohne zumindest einen feinen Unterschied zu bemerken. Die Angst vor einer Brücke sinkt, wenn wir sie schon einmal mehr oder weniger unbeschadet überquert haben.

Aber gilt das auch für Lockdown Nummer 2?

Wie toll, endlich wieder Lockdown! ,hat vermutlich keiner von uns gedacht. Und abgesehen davon, dass diesmal das Makramé das Bananenbrot abgelöst hat und mit eleganten Begriffe wie lockdown light und Endspurt um sich geworfen wird, ist es immer noch beunruhigend wie beim ersten Mal, sein Leben einzuschränken und in Ungewissheit zu hängen. Vieles ist diesmal noch schlimmer. Die Tage sind kurz, dunkel und zu kalt, um seine Kraft in der Natur zu finden. Zahlreiche Menschen haben im Winter ohnehin mit psychischen Problemen zu kämpfen. Und im Gegensatz zum ersten Lockdown wissen wir, wie hartnäckig, unberechenbar und gefährlich Corona sein kann. Die dank dem Impfstoff berechtigte Hoffnung auf ein baldiges Ende fühlt sich weit weg an. Vor allem, weil nicht mehr alle am selben Strang ziehen, ein Teil der Gesellschaft ist ja neuerdings eifrig damit beschäftigt, böse Machenschaften der heimlichen Corona-Diktatur aufzudecken.

Gefühle wollen gefühlt werden

Unsere Resilienz hat nach wie vor zu kämpfen. Etwas, das im Sommer schon überstanden zu sein schien, schlägt mit voller Kraft zurück. Trotzdem erwarten wir viel von unserer Widerstandskraft. Wir wollen durchhalten und weitermachen, auch wenn der Slalomlauf um die Corona-Hütchen immer beanspruchender wird. Dabei hatte zumindest ich immer wieder mit folgendem Problem zu kämpfen: ich habe keine Probleme. Ich bin vermutlich eine der privilegiertesten Personen der Welt, was Corona betrifft. Ich bin jung, beinahe kerngesund (den Rest regelt das gute Salbutamol), und anscheinend ziemlich immun gegen Corona. Ich kann meine Arbeit als Redakteurin ausüben, ich kann mein Traumstudium weiterführen, und ich wache jeden Morgen mit meinen besten Freunden auf. Hier in unserer Stockwerksgemeinschaft leben wir wie in einem Paralleluniversum, so eng und gemeinschaftlich, dass es sich längst nach Familie anfühlt. Ich weiß, dass es meiner Familie zuhause gut geht, und dass meine Großeltern geschützt sind. Ich brauche vor gar nichts Angst haben. Und trotz alldem bin ich manchmal kreuzunglücklich. Damit breche ich einen Gedanken, der sich in den letzten Monaten aus all diesen Privilegien in mir versteinert hat: DU darfst nicht unglücklich sein. In dieser Krise sehen wir deutlich die Ungerechtigkeit des Schicksals, und wie schlecht es anderen Menschen geht. Im besten Fall bewirkt das, das wir unser eigenes Leben mehr schätzen, und dankbar sein können. Aber das kann umschlagen. Dann wird jedes Gefühl aufkeimender Traurigkeit und Wut weggeschoben, mit dem Argument „Ich in meiner privilegierten Lage kann mich nicht beschweren.“ Wenn das zu oft passiert, beginnen die Gefühle, sich vollkommen irrational zu verhalten. Sie kommen gar nicht mehr, oder nur in ihrer unangenehmsten, dringlichsten Form. Spätestens dann ist der Teufelskreis vollkommen. Man fühlt sich schrecklich, aber man sagt sich wieder: „Ich habe keinen berechtigten Grund, mich so zu fühlen.“ Und alles geht von vorne los.

Während unserer Berlin-Reise letzten September war ich bei der Lesung von Antonia C. Wesseling. Ich verfolge seit Jahren ihre Videos auf YouTube, in denen sie über Bücher, das Schreiben aber auch ihren Weg aus einer schweren Magersucht spricht. Über diese Erfahrung hat Antonia 2020 ihre Autobiographie Wie viel wiegt mein Leben? veröffentlicht. Mir hat dieses Buch, und die Lesung in Berlin, in vielerlei Hinsichten die Augen geöffnet. (Ich empfehle es für sämtliche Menschen dieser Welt). Ihre für mich wichtigste Botschaft: Gefühle wollen gefühlt werden. Jedes Gefühl hat seine Daseinsberechtigung. Ohne vorschnelles Urteilen. Wir können Gefühle nicht so steuern wie Gedanken. Sollten wir auch gar nicht, denn Gefühle sind, in dem Moment in dem sie in uns aufkommen, schon fertig. Wie ein Kompass weisen sie uns auf das hin, was wir tun müssen. Wenn das fehlt, sind wir echt verloren.

Wir halten fest: uns zu sagen, dass wir nicht unglücklich sein dürfen, macht uns kein bisschen glücklicher. Stattdessen gehen unsere Gefühle auf die Barrikaden, und wir verwehren uns jede Chance, unsere Lage zu bessern. Denn letztendlich ist es doch so: erst wenn wir uns eingestehen, dass wir gerade traurig sind, können wir etwas dagegen tun. Und an dieser Stelle kann unsere Resilienz wieder einsetzen. Sie ist spezialisiert darauf, dunkle Flächen wieder hell zu machen.

Helle Gedanken

Neulich habe ich mit dem Leiter unseres Zeltlagers telefoniert, um das Projekt „Wir planen ein Zeltlager, egal ob es stattfindet“ voranzutreiben. Die Beschäftigung mit einer Zukunft ohne Corona macht mir zur Zeit äußerst viel Spaß.
„Naja,“ schloss mein Zeltlagerleiter unsere Spekulationen über die nächsten vier Monate. „Es muss wohl immer erstmal schlimmer werden, bevor es wieder besser werden kann.“ Das wusste schon Selma Lagerlöff, als sie sagte: „Kurz bevor die Sonne aufgeht, ist die Nacht am dunkelsten.“

Wenn das so ist, müsste es eigentlich jeden Moment soweit sein. Dann geht sie auf, die Sonne, brennt sämtliche Corona-Viren und Ängste weg und füllt uns mit so viel Hell, dass der Albedo-Wert neue Rekorde bricht.
Bis dahin haben wir immer noch uns, und die Resilienz, und den Schnee, in den der Regen draußen still und leise wieder übergegangen ist.

Mein Name ist Tabitha Anna und ich bin 21 Jahre alt. Ich komme aus dem Süden von Baden-Württemberg und liebe es, zu lesen, zu schreiben und zu reisen. Seit Oktober 2019 studiere ich Sprach- und Literaturwissenschaft in Freiburg im Breisgau.