Lieber zuhause bleiben?! | PrayForParis

Kategorien Weltgeschehen

Hallo ihr,

Sicher habt ihr auch schon gemerkt, dass es um die Geschehnisse in Paris allmählich ruhig wird. Auch aus Belgien gibt es keine neuen Schlagzeilen mehr, und die Facebook-Profilbilder in den Farben der Tricolore zählen wieder zu einer seltenen Spezies. Momentan findet in Paris die Weltklimakonferenz statt, in Brüssel gehen die Menschen zur Schule und das Leben geht irgendwie weiter.

Was geblieben ist, ist die Angst. Die Attentate von Paris haben den Schutzwall zerstört, den wir uns gebaut haben, um vor Angst vor Terroranschlägen geschützt zu sein. Dieser Schutzwall bestand aus Geborgenheit, Freiheit und der Gewissheit, dass so etwas bei uns nicht geschehen kann, dass wir sicher sind, weil wir Europa sind, mit Grundrechten, Sicherheitsvorkehrungen und Vorsichtsmaßnahmen. All diese Bausteine konnten nicht standhalten, gegen einen Möchte-Gern-Staat, der nichts anderes im Sinn hat, als uns zu besiegen und am besten die ganze Welt im Griff zu haben.

Jetzt sind wir verunsichert und beängstigt. Unsere Schutzmauer ist weg, was nun? Manche Menschen sagen: „Jetzt erst recht!“ Und dann gehen sie raus und versuchen zu ignorieren, dass die Schutzmauer verschwunden ist. Manche von ihnen haben sie vielleicht sowieso nie gebraucht oder wahrgenommen. Aber es gibt auch so viele Leute, die jetzt Dinge sagen wie: „Jetzt ist man wohl wirklich nirgendwo mehr sicher!“ oder „In großen Städten ist es mir jetzt wirklich zu gefährlich.“. Ich habe selber so etwas zu hören bekommen, in meiner eigenen Familie. In zwei Wochen veranstaltet unsere SMV eine Ausfahrt auf den Stuttgarter Weihnachtsmarkt, da gehe ich mit meinen Freunden hin, und es gibt durchaus Leute in meiner Familie, die das nicht ganz toll finden.

Aber meine Freunde und ich, wir sind uns einig: diesen Tag lassen wir uns nicht versauen. Für uns scheint die Wahrscheinlichkeit, dass ausgerechnet an diesem Tag, in den paar Stunden, in denen wir in Stuttgart sind, viel zu gering, als dass wir uns fürchten müssten. Wir fühlen uns sicher. Für ist der Weihnachtsmarkt Punsch trinken, Crêpes essen und einen Abstecher in die Fußgängerzone zu H&M und Co zu machen. Nichts sonst.
Ich würde sagen mit dieser Einstellung gehöre ich weder der „Lieber nicht-“ noch der „Jetzt erst recht-“ Gruppe an. Ich bin einfach nur so wie immer eingestellt, vertrete keine Meinung und habe keine Sprüche parat.

Ich denke, zu welcher Gruppe wir gehören, hängt schwer davon ab, inwiefern uns die vergangenen Ereignisse wirklich betroffen haben. Klar, getroffen haben sie uns alle. Weil sie eben die Mauer zerstört haben. Die Frage ist, wer war dabei, als sie gefallen ist, wer wurde von den Bausteinen getroffen, und wer Menschen kennt, die an ihrem Fall gestorben sind. Diese Menschen, die so viel näher am Epizentrum der Katastrophe gewesen sind als ich, die Menschen, die förmlich hören konnte, wie die Steine auf dem Boden aufschlugen, diese Menschen müssen eine ganz andere Sicht auf die Dinge haben als ich. Es gibt Interviews von Menschen, die das Drama im Bataclan miterlebt haben, und jetzt der „Jetzt erst recht“-Gruppe angehören, genau so wie es auch Leute gibt, die von den Ereignissen derart verstört sind, dass sie sich gar nichts mehr trauen.

Wir gehen alle anders damit um. Dafür dürfen und müssen wir uns nicht kritisieren und beurteilen. Wer auf den Weihnachtsmarkt gehen will, wer nicht gehen will, soll zuhause bleiben. Unsere Welt könnte so viel besser sein, wenn wir manchmal einfach das tun würden, was uns gut tut, und wenn wir endlich aufhören würden, uns pausenlos gegenseitig zu beurteilen und einzuordnen. Ich darf mich da nicht rausnehmen, ganz und gar nicht.

Wir, die wir die Mauer aus weitem Abstand fallen sehen haben, müssen handeln. Uns einsetzen, für die, die direkt darunter standen. Und wir müssen eine neue Mauer bauen, alle zusammen.

Eine Mauer, die aus der Liebe zur Freiheit besteht, aus Zusammenhalt. Wir brauchen Steine der „Jetzt erst recht“- Gruppe, damit die Terroristen sehen, dass wir uns nicht unterkriegen lassen, und auch Bauteile der „Lieber nicht“- Gruppe, die sicher stellen, dass wir uns in unserem Leben wieder geborgen fühlen.

Schrecklich kitschig, was ich da gerade aufgeschrieben habe, wirklich. Ganz abgesehen davon, dass es mit ein bisschen Gelaber über Liebe und Zusammenhalt sicher nicht getan ist.

Aber hey, es ist ein Anfang, und zwar einer von denen, die wir alle machen können. Darauf stehen wir doch, oder? 😛
Liebe Grüße, schönes Wochenende, und vergesst nicht: macht das, was ihr für richtig haltet, und lasst euch nicht beirren!

Mein Name ist Tabitha Anna und ich bin 22 Jahre alt. Ich komme aus dem Süden von Baden-Württemberg und liebe es, zu lesen, zu schreiben und zu reisen. Seit Oktober 2019 studiere ich deutsche und italienische Sprach- und Literaturwissenschaft in Freiburg im Breisgau.