Weißt du noch, als wir uns kennengelernt haben, spät in der Nacht, als wir alle nicht mehr nüchtern waren, und die Sterne dezent heller strahlten als unser Verstand?

Weißt du noch, wie du in unserem Kreis gestanden bist, und uns angelächelt hast, und nach meinem Namen gefragt hast? Und wie wir angefangen haben, uns Nachrichten zu schicken? Ich habe das nie ernst genommen. Du warst einfach irgendein Typ, unsere erste Begegnung war Nebel in meinem Kopf, und ich war überzeugt, dass du genau so schnell wieder verschwinden würdest, wie du gekommen bist. Du dagegen hast es sehr wohl ernst gemeint. Du hast nicht gelogen, wenn du geschrieben hast, dass du dich freust, mich wiederzusehen.Du hast mir Bilder geschickt, und Sprachnotizen und Nachrichten nachts um vier, als du vermutlich nicht mal mehr gerade laufen konntest.Du hast geschrieben, wenn ich nicht gleich geantwortet habe, aber nur ein Mal, dann hast du es gelassen und gewartet, bis es mir wieder eingefallen ist, auf mein Handy zu schauen.

Und doch warst du für mich immer etwas temporäres, flüchtiges. Ich war überzeugt, dass du gehen würdest, wenn du mich erst mal richtig kennst. Ein Moment in der Nacht, vermischt mit zu viel Alkohol, sagt so wenig darüber aus, wie wir wirklich sind.

Wieso bist du trotzdem geblieben? Wieso hast du es nicht einfach irgendwann gelassen?Ich habe mir diese Frage oft gestellt.

Weißt du noch, wie du tatsächlich irgendwann begonnen hast, das Interesse zu verlieren? Vielleicht nicht unbedingt an mir als Person, aber daran, an irgendetwas festzuhalten, was vielleicht sowieso nie eintritt. Deine Nachrichten sind knapper und seltener geworden. Immer warst du nett, hast mir Smileys geschickt und mich umarmt, aber es war nicht mehr das, was es war. Weißt du das?

Aber es gibt auch etwas, was du gar nicht wissen kannst. Du weißt nicht, dass du in der Zeit, in der du bei mir warst, zu einem Stück Heimat für mich geworden bist. Sofern man in einem Menschen Heimat sehen kann, warst du für mich das, was mir als Kind nie gegeben wurde. Mein Vater, der für mich nicht exisitierte. Das eigene Zimmer, dass ich nie bewohnte. Der Garten, den wir nie besaßen. So viel war kaputt in mir, und du hast es geklebt, ohne dass ich es überhaupt bemerkt habe.

Du beinhaltest jetzt alles, was ich in der Zeit, seit ich dich kennengelernt habe, erlebt habe. Du warst da, als ich mich mit meinen Freundinnen verstritten und Monate später wieder versöhnt habe. Als es im August dieses Megagewitter gab, und wir beide aus dem Fenster schauten und die Blitze zählten. Selbst als ich zwei Wochen in Spanien war , ohne Internet und Handy, warst du irgendwie da, und als ich nachts um vier nach Hause gekommen bin, warst du noch wach, weil du nicht schlafen konntest, und hast mich im kalten Deutschland begrüßt. Du weißt so viel von mir, und ich weiß fast gar nichts von dir. Weiß nicht, ob deine Eltern zusammen leben, welches Schulfach du magst, und was du später einmal machen willst.

Dadurch, dass du so viel von mir weißt,und dass du mir so viel ersetzt hast, ist es wie Heimweh für mich, dich nicht zu sehen oder keine Nachricht von dir zu bekommen. Es gibt Tage, da bin ich kurz davor, dir das zu sagen, und dich zu bitten, mir zu versprechen, nicht zu gehen und mich alleine zu lassen.

Es war vielleicht der größte Fehler meines Lebens, die Flüchtigkeit eines Augenblickes auszublenden, und auf Beständigkeit zu bauen.

Vielleicht ist Heimat eben doch nur dazu da, unergreifbar und unerklärlich zu sein. Vielleicht ist es falsch, Heimat in deinen Augen zu sehen, oder in deinen Händen oder sowas. Mag sein, dass ich mich mit dir geborgen fühle, aber wer sagt mir, ob das so bleibt? Wer sagt mir, dass du nicht irgendwann ganz gehst, mich alleine lässt, und in Kauf nimmst, dass der Kleber von all den Dingen in mir abbröckelt, den du eigenhändig aufgetragen hast?

Es tut mir Leid, dass ich dir lange Zeit nicht das geben konnte, was du dir vielleicht gewünscht hast. Es tut mir Leid, dass ich erst so viel zu spät begriffen habe, was du für mich bist. Ich denke, die Suche nach der Heimat hört niemals auf. Wir werden immer irgendwie irgendjemanden suchen, der unsere kaputten Teile klebt, und uns Geschichten von uns selbst erzählt.

Wer weiß, was das Schicksal noch so vor hat. Vielleicht finden wir uns ja irgendwann wieder- spät in der Nacht, wenn wir alle nicht mehr nüchtern sind und die Sterne dezent heller strahlen als unser Verstand.

Mein Name ist Tabitha Anna und ich bin 22 Jahre alt. Ich komme aus dem Süden von Baden-Württemberg und liebe es, zu lesen, zu schreiben und zu reisen. Seit Oktober 2019 studiere ich deutsche und italienische Sprach- und Literaturwissenschaft in Freiburg im Breisgau.