Ich muss jetzt aber Chia-Samen essen- oder?

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Es ist Samstagmorgen, 10:30 Uhr und ich frühstücke gerade ausführlich mit  Nutellawecken, Kaba und einem halben süßen Stückchen vom Bäcker. Weil ich offiziell zur Generation Z gehöre, heißt es währenddessen erstmal: Handy an. Ich gehe in Snapchat und tippe auf die Geschichte meiner Lieblings-Youtuberin. Sie präsentiert uns ihr Frühstück: ein lauwarmes Wasser mit frisch gepresstem Zitronensaft, ein halbes Vollkornbrot mit Avocado und Sesam, ein Porridge aus Haferflocken und Leinsamen, dazu Chia-Samen und Kokosnuss-raspeln. Sie lebt seit einigen Monaten vegan, und kann das auch nur weiter empfehlen, weil es wirklich viele, schnell zubereitete Speisen gibt.

Vor mir liegt mein halber Nutellawecken und starrt mich vorwurfsvoll an. Ich starre zurück. „Wieso bist du kein Porridge?“ frage ich ihn. „Mit Chia-Samen als Topping? Ich hasse dich!“ Dann esse ich ihn trotzdem , zur Strafe sozusagen. Und fühle mich irgendwie schlecht.

Nach dem Frühstück ( es ist mittler Weile 11:15 Uhr) läuft mir eine Hanuta-Packung über den Weg, beziehungsweise sie steht unverschämter Weise auf dem Schränkchen. „Du bist doch Getreide oder?“ frage ich das Hanuta. „Mit ein bisschen Schokolade und ähm…Nüssen.“ Nüsse sind Superfood. Hab ich neulich selbst gelesen. Damit sind sie praktisch auf einer Stufe mit Chia-Samen.

5 Sekunden später ist die Packung um ein Hanuta leerer. Oder zwei.

Blick in Snapchat: meine Lieblings-Youtuberin trinkt gerade ihre Reismilch. Frustriert gehe ich in mein Zimmer, das glücklicher Weise frei von diversen Lebensmitteln und damit Verlockungen ist. Mein Handy fällt mir wieder ein, und zufällig hat mir meine Cousine geschrieben. Leider keine normale Nachricht sondern ein Link zu einem Youtube-Video. Ich klicke es an und fünf Sekunden später grinst mir ein breitschultriger, durchgeschwitzer Typ entgegen. „Für dieses einfache Powerworkout braucht ihr nichts weiteres als eure Sportmatte, die gedämpften Turnschuhe, eure 0,5kg- Fußmanschetten und 30 Minuten Zeit!“ Ich lasse meinen Blick schweifen, von meinem Bett zum Schaukelstuhl, zum Klavier und zurück, und betätige die Tastensperre, bevor Mister Fit mit dem 30-minütigen, einfachen Powerworkout beginnt. Meine Cousine ist 17 Kilometer weiter garantiert bereits durch damit.

Mittlerweile richtig schlecht gelaunt setzte ich mich an den Schreibtisch, aber anstatt dass ich mit dem Mathelernen beginne, streife ich durch Instagram, wo mir ein inspirierendes Zitat nach dem anderen begegnet.

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Until it´s done- aber bis es soweit ist, ist der Weg so ewig lang. Wieso soll ich ihn gehen, wenn ich nicht einmal Lust darauf habe? Ok, ich will keine 5 im Mathezeugnis, aber tief im Innersten verstehe ich auch nicht, was mir eine 1 darin konkret bringen sollte. Außer vielleicht das mein Lehrer stolz auf mich ist.

Ich will gesund bleiben, aber nichts an meiner Ernährung ändern. Ich will einfach ganz genau so sein, wie ich es jetzt bin, und nicht anfangen, für das Unmögliche zu arbeiten.

Bevor ich in tiefgründigen Gedankengängen verschwinden kann, ruft mich meine Mutter zum Mittagessen und gut eineinhalb Stunden nach meinem Frühstück ziehe ich mir eine Portion Spagetti mit Tomatensoße rein. Eigentlich gar nicht so ungesund, denke ich, zumal es ja vegetarisch ist, aber keine zwei Minuten später entdecke ich auf Instagram den Post besagter Lieblings-Youtuberin, die der Welt ihr Mittagessen präsentiert und damit meine Illusion wieder zerstört: bei ihr gab es geröstete Karotten mit Linsen. Ich heul dann jetzt gleich.

Ich habe dazu gelernt: den Rest des Tages halte ich mich raus aus den sozialen Netzwerken. Kein Instagram, kein Snapchat und auch kein Facebook, das ja neuerdings auch irgendwie zur Plattform der gesunden Rezepte geworden ist. Irgendwie geht es mir erstaunlich gut dabei, ich schaffe ein Mathe-Thema, schreibe ein Kapitel an meinem Buch und spiele mein aktuelles Lieblings-Klavierstück von Ludovico Einaudi. Zwischendurch verschwindet das ein oder andere Hanuta, aber ich bringe es auch tatsächlich hin, mir eine Kiwi aufzuschneiden.

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Wieso lassen wir uns von den sozialen Netzwerken unter Druck setzen? Ich finde, besonders in den letzten Monaten ist der Druck des „Healthy Lifestyle“ unglaublich gewachsen. Für unsere Generation sind Youtuber längst zu Idolen geworden, aber nicht auf die Art wie es für andere Schauspieler, Sänger oder Künstler sind. Youtuber teilen mehr mit uns- eben auch, was sie essen und wie sie Sport treiben. Wir denken dann: sie machen es richtig. Und das ist ja letztendlich auch die Wahrheit, weil Chia Samen nunmal wirklich gesund sind, und wir den Sport brauchen, nicht für die Bikini-Figur, sondern für die Gesundheit.

Was wir dabei vergessen: das Gardetraining, den Schulsport, den Salat, den es in der Mensa zur Vorspeise gibt, und den Apfel, in den wir beißen, vor wir mit dem Fahrrad zu Freunden fahren. Gerade wenn wir noch zuhause wohnen, haben wir (in den meisten Fällen) das von uns oft ungeschätze Glück, dass unsere Eltern kochen und wir damit automatisch gesund essen. Das Gleiche gilt für die Mensa. Das meiste, was wir uns Gutes tun, tun wir unbewusst. Oder vielleicht tun wir es auch bewusst- aber eben für uns. Vielleicht leben unsere ganzen „Role-models“ gar nicht so viel anders wie wir, sie teilen es nur, und machen damit darauf aufmerksam.

Wenn an dem Hype, der gerade um die ganzen Superfoods aufkommt, wirklich so viel dran ist, heißt das dann, dass davor alle total ungesund gelebt haben, nur weil China-Samen und der Kinoa-Salat noch nicht so bekannt waren? Ist diese gesunde Ernährungssache jetzt eine Revolution in der Welt der Ernährung oder eher ein vergänglicher Trend?

Ich glaube, für viele Menschen ist es vor allem spannend, und eine Chance. Getragen von der Motivationswelle in den sozialen Netzwerken, fällt es leichter, schlechte Gewohnheiten hinter sich zu lassen und sein Leben bewusst gesünder zu gestalten. Darin sehe ich auch den Vorteil im umstrittenen Veganismus: dass man – wenn man es richtig macht- viel bewusster und damit auch besser isst. Im Umkehrschluss heißt das aber,  dass man auch, wenn man es nur will, mit einer vollwertigen, also pflanzlichen UND tierischen Ernährung erreichen kann, ein gesünderes Leben zu führen.

Meiner Meinung nach birgt der „Healthy Lifestyle“ aber auch die Gefahr, dass viele enthusiastisch beginnen, vegan oder vegetarisch zu leben, ohne sich umfassend über das Thema informiert zu haben. So entstehen schnell Mineralstoff- und Vitaminmängel.

Mein Respekt an alle, die ein solches Umkrempeln durchziehen können, ich könnte es nicht. In Sachen Ernährung, Sport und Disziplin bleibe ich Mittelmaß. Aber wie gesagt: ich denke das ist ok, solange man weiß, was einem gut tut.

Ich habs kapiert. Ich mache drei bis vier Mal in der Woche Sport, ernähre mich so gut es geht so, dass mein Eisenmangel im Griff ist und ich gesund bin, und ich laufe jeden Morgen zu Fuß zur Bushaltestelle. Das ist mein ganz persönlicher „Healthy Lifestyle“, shame on me, aber ich schätze, ich bin nicht die einzige 😉

Wenn mir Chia-Samen schmecken, esse ich Chia-Samen, wenn nicht, dann nicht. Ich frage mich immer noch, ob meine Lieblings-Youtuberin sie deswegen so in den Himmel lobt, weil sie ihr wirklich schmecken, oder weil sie im Hinterkopf hat, wie gesund sie sind. Letztendlich ist es auch egal. Meine Lieblings-Youtuberin ist sie trotzdem noch, und während ich ihr neustes Follow-my-week-Video anschaue, esse ich mein viertes Hanuta.

Chia-Samen gibt es dann vielleicht nächstes Wochenende.

 

 

Mein Name ist Tabitha Anna und ich bin 22 Jahre alt. Ich komme aus dem Süden von Baden-Württemberg und liebe es, zu lesen, zu schreiben und zu reisen. Seit Oktober 2019 studiere ich deutsche und italienische Sprach- und Literaturwissenschaft in Freiburg im Breisgau.