Angst. | PrayForBrussels

Kategorien Reiseatlas, Weltgeschehen

Seit 5 Tagen versuche ich, mich geistig darauf vorzubereiten, nach Shanghai zu fliegen. Es ist nicht so, dass ich aufgeregt war oder sowas, es ist mir einfach nur schwer gefallen, das wirklich zu realisieren. Zwei Jahre lang habe ich von dieser Reise geschwärmt, klar dass es jetzt komisch ist, wenn es auf einmal soweit ist. Ich habe mir vorgenommen, am Abend vor dem Abflug einen Blogpost darüber zu schreiben, was für Gedanken mir durch den Kopf gehen. Dass ich mit gemischten Gefühlen einschlafen werde, war mir sowieso schon klar. So eine Reise ist eben immer auch ein großes Abenteuer. Aber all die Tage war ich bereit. Ich war bereit, neue Erfahrungen zu sammeln, wunderschöne Orte kennenzulernen und am Ende reifer, erfüllter und glücklich nach Hause zu kommen.

Am Samstag hat es in Istanbul einen Anschlag gegeben. Das war so oder so schon schrecklich, aber mich hat es doch ein bisschen mehr beschäftigt,denn wir werden in Istanbul zwischenlanden und uns dort zwei Stunden aufhalten. Aber ich habe mir gesagt, dass wir im Sicherheitsbereich sein werden, wo bewaffnet niemand hingelangt. Eigentlich ging es dann wieder mit der Aufregung und der Angst.

Heute ist alles anders. Heute hat es in Brüssel Anschläge gegeben, an einer Metrostation, und im Flughafen. Ich bin gerade mit meinen Freunden zum Bahnhof gelaufen, als einer es in Facebook gesehen und uns gesagt hat. Es hat mich ein bisschen an die Situation erinnert, als ich von den Anschlägen in Paris erfahren habe. Es war so unwirklich, surreal, aber doch ganz nah. Es ist nicht fair der Türkei gegenüber, Terror in Frankreich und Belgien anders, wichtiger aufzufassen, aber ich kann nichts dagegen tun. Zu versuchen, alles als gleich schlimm zu empfinden und für alles angemessen und ausreichend zu trauern macht mich kaputt, das habe ich schon festgestellt. Eigentlich ging es mir danach auch noch gut, auch im Bus, aber dann bin ich nach Hause gelaufen, und plötzlich kam alles über mich.

Die Angst hat mich von hinten überfallen, und jetzt packt sie mein Inneres wie ein wildes Tier mit scharfen Krallen. Sie will mich nicht loslassen. Ich weine, und kann nichts dagegen tun. Ich schäme mich so sehr dafür, dass ich mehr Angst um mein eigenes Leben habe, als dass ich über das der Opfer in Brüssel traurig bin. Ich weiß, ich bin hysterisch, überängstlich, und viel zu dramatisch. Es ist irgendwie auch Verrat an Gott, dass ich mich so sehr fürchte. Ich weiß doch, dass er immer auf mich aufpasst, wieso also lasse ich es gleichzeitig einfach außer Acht?

Was auf dieser Welt passiert, das macht mir Angst. Und zum ersten Mal habe ich Angst um mein eigenes Leben. Ich will das eigentlich gar nicht schreiben, weil ich selber weiß, dass ich keinen Grund dazu habe. Nicht einmal die Menschen, die in Brüssel leben, müssen eigentlich einen haben, weil sie in ihren Häusern bleiben können. Aber bei ihnen wäre es so viel verständlicher. Ich sollte eigentlich nicht so egoistisch sein und denken ich sterbe auf einer Reise nach Asien, weil der Terror in Belgien wütet. Aber jemand hat mal gesagt, dass man als Journalist immer ehrlich sein muss, und wenn ich einmal ein Journalist werden will, muss ich es jetzt schon üben. Ich habe Angst. Ich sehe die Menschen um mich herum, und spüre, wie ich jeden einzelnen von ihnen liebe. Ich will niemanden verlieren. Ich denke an Erlebnisse, die ich hatte, und weiß, sie werden nie wieder kommen, Momente sind vergänglich, was, wenn mir die Erinnerungen genommen werden. Ich sehe Straßen, Blätter, Sonnenstrahlen, und zum ersten Mal wird mir klar, wie gut wir es haben. Ich bin vor Tagen auf dem Bett gelegen und habe geweint, weil eine Beziehung nicht funktioniert, und jetzt hasse ich mich dafür. Wie kann man nur?

Was ist das für ein Geschenk, dass wir leben dürfen, mit unseren Freunden, unserer Familie, in Krankheit und Gesundheit, mit Höhen und mit Tiefen? Ein Geschenk, dass ihnen genommen wurden, den mindestens 34 Toten in Brüssel, den 129 Toten in Paris, den Opfern in der Türkei, zahllosen Menschen auf der Welt, die in Frieden leben wollten.

Jetzt kann ich sagen, ich bin nicht mehr bereit, nach Shanghai zu fliegen. Ich würde gerne noch so sein, wie ich es war, als ich den Blogpost http://www.tabitha-anna.de/lieber-zuhause-bleiben geschrieben habe, aber ich bin es nicht mehr.

Jetzt würde ich mich dem Terror am liebsten beugen und zuhause bleiben, bei den Menschen die ich so sehr liebe, an dem Ort, an dem ich mich zu 100 Prozent sicher fühle. Aber morgen Abend wird in Frankfurt ein Flugzeug starten, und ich werde darin sitzen. Ich weiß, dass Gott bei mir ist. Scheiß egal, wenn jetzt jemand lacht, ich bin gläubig, ich glaube daran. Auch wenn gerade die ganze Welt zusammenzubrechen scheint, weiß ich, dass Gott da ist, für uns alle. Die Menschen, die heute und in der ganzen Geschichte deswegen gestorben sind, weil andere ihren Hass nicht kontrollieren konnten, sind jetzt bei ihm, wo sie den Frieden haben, den sie auf der Erde nicht bekommen haben. Ob ich sterbe oder lebe, ich verlasse nie seine schützende Hand. Dafür bin ich dankbar.

Für jede Sekunde, jeden Menschen, jede Erinnerung in meinem Leben bin ich dankbar. Wenn wir immer dankbar wären, könnten wir jeden Moment sterben und es würde nichts ausmachen, weil es dem Tod die Macht nimmt, wenn wir dankbar gehen.

Ich glaube aber daran, dass ich eine wunderbare Zeit in Shanghai haben werde und glücklich zuhause ankommen werde. Macht euch auf jede Menge spektakuläre Bilder gefasst, immerhin fliegen wir am Samstag an einen der schönsten Orte der Welt, nach Guilin. Ich versuche, so oft es geht zu bloggen, um euch ein bisschen neidisch zu machen 😉

Wenn ich vielleicht noch eine Sache sagen darf: versucht, euch nicht in den Streit hinzugeben, der jetzt vielleicht wieder in den sozialen Netzwerken ausbricht: ist es okay, dass heute der #PrayForBrussels – Hashtag kursiert ist, aber am Samstag kein #PrayForIstanbul- Hashtag? So verlockend es scheint, sich auf die eine oder die andere Seite zu stellen, letztendlich bringt es doch überhaupt gar nichts. Es wäre Energieverschwendung, und wir brauchen diese Energie jetzt, um uns zusammen gegen den Terror zu stellen und ihm keine Chance zu geben.

Ich bin überzeugt, dass wir es schaffen.

Mein Name ist Tabitha Anna und ich bin 22 Jahre alt. Ich komme aus dem Süden von Baden-Württemberg und liebe es, zu lesen, zu schreiben und zu reisen. Seit Oktober 2019 studiere ich deutsche und italienische Sprach- und Literaturwissenschaft in Freiburg im Breisgau.