erfundene-kurzgeschichte

Stille und nicht Stille. Schmerz und absolute Taubheit. Das Metall unter Madelines Fingern war feucht und das Tor öffnete sich mit einem fürchterlichen Quietschen. Es störte niemanden außer sie und ein paar Tauben, die in den Ästen der hohen Bäume links und rechts des Weges saßen und bei dem lauten Geräusch aufgeschreckt davon flogen. Madeline sah ihnen einen kurzen Moment hinterher, dann schritt sie den Weg entlang bis zur allerletzten Gräberreihe.

Die aufgeschaufelte Erde war über und über bedeckt mit Kränzen, Blumenstöcken und anderen floristischen Werken. Wie ein Leuchtturm ragte das Kreuz aus dem Blumenmeer, dessen eigentlich helles Holz vom Regen dunkel gefärbt war. Obwohl der Kies vor dem Grab ebenfalls nass war, sank sie auf die Knie. Ihre Augen fixierten sich auf den Namen auf dem Kreuz. Nie wurde einem eine Tatsache so bewusst als wenn man sie in Buchstaben vor sich saß. Wenn sie in Worte gefasst waren, die jeder lesen konnte. Jeder der an diesem Grab vorbei lief, würde wissen dass es Jonas Hemingway war, der hier mit gerade einmal 25 Jahren begraben war. Aber keiner würde seine Geschichte kennen.

Mit 25 Jahren hatte man die größte Chance, Katastrophen zu überleben. Der Körper war jung, eigentlich in seinen besten Jahren, alles war ausgewachsen, flexibel und zur Höchstleistung bereit. Wenn Madeline nachts nicht schlafen konnte, lag sie an seiner Brust und hörte sein Herz schlagen, bum bum bum, der erste Rhythmus in den sie sich jemals verliebt hatte. Es schlug kräftig, unbesiegbar, unsterblich.

Wie es trotzdem passieren konnte, dass er mit seinen 25 unsterblichen Jahren im Sterben lag? „Diese Katastrophe war wohl eine Nummer zu groß.“ sagte einer der unsensibelsten Ärzte, die sie je getroffen hatte, mit einem Schulterzucken, bevor er geschäftig zur Türe des kleinen Krankenzimmers eilte und sich noch einmal umsah. „Mit einem solchen Fall, Frau Hemingway, hatten wir zuvor aber auch noch nie zu tun.“ Was unter Garantie eine Lüge war, weil sich auf den Straßen Englands jedes Jahr viele viele tödlich verlaufende Verkehrsunfälle ereignet. Vielleicht dachten die Ärzte, es würde helfen sich als etwas Besonderes zu fühlen. Ein Ausnahmefall! Als hätte das Schicksal es so gewollt.

Madeline schnaubte, und fragte sich im selben Moment wie ihr die Kraft zum Schnauben blieb. Eigentlich hatte sie zu gar nichts Kraft. Ihre Hände wanderten automatisch zu ihrem Bauch. Es war jetzt ganz sicher, dass da drin ein kleines Baby lebte, seit 13 Wochen schon. Erst wollte sie es nicht wahrhaben, dann schob sie es auf, es zu überprüfen und dann war stürmte sie auf die Gynäkologie, vier Stunden nachdem Jonas schwer verletzt aus dem Auto geborgen und in die Klinik gebracht wurde. Sie brauchte Gewissheit, und fünf Minuten später hatte sie sie.

Jetzt stand sie wieder hier an diesem Bett und fragte sich, ob er sie hörte, wenn sie es ihm sagte. „Jonas, wir haben ein gemeinsames Kind. Das, was du dir immer gewünscht hast. Ungefähr ab dem ersten Moment. Als wir 17 und16 waren. Da hast du es.“ Der Brustkorb hob und senkte sich, aber Madeline gefiel die Weise nicht, wie er es tat. Es war alles gezwungen, wie eine Lüge. Sie versuchte sich ihn vorzustellen, wie sie ihn damals kennengelernt hatte. Sturzbetrunken, der erste Kuss. Die Morgende mit ihm im Bett. Wie er sich über die Pfannkuchen hergemacht hatte, sein absolutes Lieblingsessen, aber nur mit Marmelade. Von ihr selbstgemacht. Das alles war nicht mehr zu sehen in dem blassen, angespannten Gesicht, dem man trotzdem nicht ansehen konnte, dass er innerlich schwer verletzt war. Zu verletzt, um noch da zu sein.

Am nächsten Tag fand Jonas Hemingways geplanter Tod statt, in schönster Organisation, eine auf die Sekunde bestimmte Zufälligkeit. Madeline füllte mechanisch Organspende-Formulare aus, die erlauben sollten, dass ihr Ehemann sämtliche Organe für kranke Menschen zur Verfügung stellte. Dann kam Madelines und Jonas´ ganze Verwandtschaft, um Abschied zu nehmen, und dann kam der unfreundliche Arzt vom Vortag um den Stecker zu ziehen. Wie er mit einer grässlichen Mischung aus Belustigung und Bedauern im Gesicht sagte. Madeline hielt Jonas´ Hand und die seiner Mutter, und dann wurde es dunkel im Krankenzimmer. Stille und nicht Stille. Schmerz und absolute Taubheit.

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Der Geruch, der mir entgegen schlug, stieg unmittelbar in meinen Kopf, und von da aus in meinen ganzen Körper. Der Geruch von Salzwasser und Regen. Wie angewurzelt stand ich neben der Autotüre , und versuchte einfach nur, genügend Luft in meine aufatmenden Lungen zu schaffen. Meeresluft, wie sehr hatte ich sie vermisst! Meine Mutter sah mich an. „Ist alles gut? Da warten ein paar Leute auf dich.“ Da nickte ich und löste mich langsam aus meiner Starre. Meine Reisetasche hatte ich fest umklammert. Ich war zurück von einer Reise, die mir hätte das Leben kosten, oder es retten können. Das Zweite war passiert und ich kämpfte fast mit den Tränen, als ich sah, wie voll unser kleiner Garten war. Mein Vater, meine Brüder, meine Großeltern, die fünf Cousins, alle meine Freundinnen und mein Freund Robin, mein allerliebster Robin, standen strahlend vor der Haustüre und hielten ein großes, weißes Bettlaken in die Höhe. Herzlich Willkommen in deinem neuen Leben, Celia!

Die Schrift war leicht verschwommen von dem Nieselregen.

Selbst aus den Nachbarhäusern streckten die Menschen ihre Köpfe und winkten mir zu, als wäre ich ein Star, der zurück nach Hause kam. Robin schaffte es als erstes, mich zu umarmen. „Ich hab dich so vermisst!“ murmelte er in mein Haar. Klar. Er hatte mich auch schon ganze 20 Stunden nicht mehr gesehen. Ich lachte leise. „Da gibt es nichts zu lachen.“ Vorsichtig legte er seine Hand auf meine linke Brust. „Fühlt sich gut an.“ meinte er fachmännisch. „Es scheint auf mich zu hören und seine Aufgabe zu erfüllen.“

Im Haus war alles festlich geschmückt, selbst mein großer Bruder und Robin hatten geholfen, die rosa Pappherzen zu basteln, die an jeder Ecke hingen. Meine Mutter hatte eine ganze Massenproduktion an Kuchen gestartet und überall herrschte Geplapper. Nach der langen Zeit im Krankenhaus fühlte ich mich wie ein Fremdkörper in dem pulsierenden Leben. Es war wie eine ewiglange Momentaufnahme. Meine Mutter, die sich über die Komplimente für die Kuchen freute und mich dazwischen unaufhörlich anstrahlte. Mein Vater, der mich von der Seite beobachtete und Tränen in den Augen hatten, in dem Glauben niemand würde es sehen. Robin, der die ganze Zeit über unter dem Tisch meine Hand hielt. Robin und ich waren schon zusammen, bevor ich krank wurde. Er war die ganze Zeit bei mir gewesen, hatte einen Großteil seiner Freizeit im Krankenhaus verbracht und hatte mir unaufhörlich die vier magischen Worte gesagt, an die ich mich in dieser Zeit geklammert hatte. „Du wirst nicht sterben. Du wirst nicht sterben. Du wirst nicht sterben.“ Er hatte mehr auf dieses Herz gewartet als ich. Als wir im Zug unterwegs waren und ich in den Anruf bekommen hatte, hatte er das erste Mal seit ich ihn kannte geweint. Aber irgendwo auf der Welt saß ein Mensch und trauerte um jemanden. Unauffällig hielt ich meine Hand an die Stelle, wo mein neues Herz lag. Es schlug kräftig, unbesiegbar, unsterblich.

Jemand war für mich gestorben. In meinem Kopf begann das Gedankenkarussel, sich immer schneller zu drehen. Plötzlich war ich ganz weit weg von allen Menschen um mich herum, selbst Robins Hand fühlte sich kalt und leblos an. Ich wollte nur noch alleine sein, mich zusammenkauern und mir von meiner Mutter Pfannkuchen mit Marmelade bringen lassen, wie ich es als kleines Mädchen immer gemacht hatte. Die letzten Marmeladenpfannkuchen mussten Ewigkeiten her sein, aber in letzter Zeit dachte ich immer öfter daran. Und an die Zeit, in der mein Herz noch mein Herz war und nicht das eines Toten. Meine Mutter schien es auf unerklärliche Weise bemerkt zu haben. Sie wies mich über den großen Tisch an, mit ihr in den Flur zu kommen. Dort hing einsam ein kleiner, rosafarbener Gasluftballon in der Form eines Herzens am Treppengeländer. Es war mit Edding ein großes CELIA in Robins Schrift daraufgeschrieben. Ich sah zwischen ihm und meiner Mutter hin und her. Da umarmte sie mich lächelnd. Ich wusste, was ich zu tun hatte.

Bis zum Meer war es nicht weit, ich musste nur einmal die Straße überqueren und einige Schritte laufen. Trotzdem brauchte ich eine ganze Weile. Die ganze Welt hatte sich verlangsamt, seit ich krank war. Der Nieselregen war stärker geworden, also zog ich den Reißverschluss bis ganz nach oben und setzte die Kapuze auf. Bloß nicht krank werden. Nur keine Erkältung. Es war ein kostbarer Schatz, den ich in mir trug. Meine Mutter blieb mit einigen Metern Abstand stehen und sah mir zu, wie ich mich bis zum Kiesufer lief. Das Meer war ein stürmischer, grüner Teppich, der vom Wind auf und abgeworfen wurden. Die aneinander gereihten bunten Strandhäuser waren wie Farbtupfer in dem weißen Himmel. Irgendwo auf der Welt lag ein Mensch ohne Herz begraben, weil es in mir weiterschlug. Wir beide hatten viel zu erzählen. Ein Herz, das in zwei Körpern gearbeitet hatte, ein Mädchen dass mit 16 Jahren schon zwei Herzen besessen hatte. Jemand war gerade aus dem selben Grund traurig aus dem ich fröhlich sein musste, weil das Schicksal es so wollte. In diesem Moment fühlte ich eine tiefe Verbundenheit zu diesem Menschen, der mir mein Leben geschenkt hatte. Meine Finger klammerten sich um die dünne Schnur des Ballons, noch einen letzten Augenblick, dann hob ich die Arme und ließ die Schnur durch meine Finger gleiten. Das rosarote Herz stieg sofort in die Höhe. Bum, bum, bum, machte mein Herz, und ich flüsterte ganz leise, sodass nur wir beide, mein Spender und ich es hören konnten. „Danke.“

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Der Luftballon war ein schöner, heller Fleck in dem dunklen Tannengrün über Jonas´ Grab. Madeline rappelte sich auf und fragte sich, wieso sie ihn nicht früher entdeckt hatte. Er musste die ganze Zeit in der Tanne gehangen haben. Sie streckte sich und zog den Luftballon an der dünnen Schnur aus den Ästen. Mit dickem Edding stand CELIA darauf. „Celia.“ flüsterte sie und strich sich über den immer runder werdenden Bauch. „Das wäre doch ein schöner Name für die Kleine, oder nicht Jonas?“

Den Ballon nahm sie mit nach Hause, als kleine Erinnerung an den verregneten Tag.

Mein Name ist Tabitha Anna und ich bin 22 Jahre alt. Ich komme aus dem Süden von Baden-Württemberg und liebe es, zu lesen, zu schreiben und zu reisen. Seit Oktober 2019 studiere ich deutsche und italienische Sprach- und Literaturwissenschaft in Freiburg im Breisgau.