Was passiert dort nur? | PrayForParis

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oder: der beschissenste Freitag der 13. aller Zeiten

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Ja, das ist genau das, was man einen spontanen Blogeintrag nennt.

Gestern Morgen (Freitag) in der Schule dachte ich noch darüber nach, ob es nicht mal wieder Zeit für einen Eintrag wäre, und ich habe mir auch schon ein paar Sachen zusammengeschrieben, die ich euch erzählen wollte. Nur, wie ihr mich kennt, habe ich es dann den ganzen Mittag nicht fertig gebracht, die Ideen umzusetzen (NaNoWriMo stresst mich komischer Weise mehr als erwartet). Gestern Abend war ich dann mit Freunden aus meiner Stufe feiern, und da hat plötzlich ein Junge aus meiner Klasse sein Handy rausgeholt und gesagt: „Scheiße!“ Weil gerade nur ich dabei stand, hat er mir sein Handy gegeben und ich habe den Artikel gelesen, der vom Newsfeed angezeigt wurde. Ich las nur „Geiselnahme“, „Anschläge“ und „rund um das Stadion“, in dem an diesem Abend ja die deutsche Nationalmannschaft spielte.

Zu diesem Zeitpunkt wurde der Verdacht, es könnte sich um einen terroristischen Akt handeln, noch nicht angesprochen, also wurde er auch in dem Artikel mit keinem Wort erwähnt, aber trotzdem schoss mir sofort diese Angst in den Kopf. Man muss nur zurück denken an die tragischen Anschläge auf Charlie Hebdo. Wir blieben noch bis zwölf auf der Feier, und als meine Mutter mich abholte, lief im Radio schon nichts anderes mehr. Jetzt wurden auch erste Äußerung bezüglich des Terrorismus ausgesprochen. Auch Facebook und Instagram waren bereits voll von Beiträgen mit Hashtags wie #PrayForParis, #JeSuisParis oder #13112015. Überall war der Eifelturm zu sehen, prominente wie normale User bekundeten ihr Beileid und riefen dazu auf, für Paris zu beten, und für Frieden zu stehen, nicht für Terror.

Mich persönlich hat vor allem erst einmal eine Frage beschäftigt: Wie konnte ich mich vor ein paar Stunden so furchtbar aufregen über die Mathearbeit, die ich verhauen habe, die mittelmäßige Musik auf der Party, und der Regen, als sie aus war? Während in Paris Geisel festsaßen, Menschen starben und Angehörige von der Polizei in Kenntnis gesetzt wurden? Natürlich bringt es nichts, wenn wir 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr mit einem Dauergrinsen durch die Gegend rennen, weil wir nicht von Anschlägen betroffen sind, zumindest nicht direkt, aber zumindest an Tagen wie diesen sollten wir innehalten, und uns einmal mehr bewusst machen, wie gut wir es eigentlich haben. Das ging mir ja schon nach dem Sozialpraktikum so, als mir wieder klar wurde, was für ein Privileg es ist, gesund und ohne Behinderungen zur Welt zu kommen und aufwachsen zu dürfen. Und jetzt, nur zwei Wochen danach, ist es schon wieder soweit, dass ich mich fragen muss: genieße ich mein Leben so, wie ich es könnte? Aber momentan ist diese Frage noch so weit im Hintergrund, genau wie das Spielergebnis der Nationalmannschaft gestern Abend, denn jetzt geht es um ganz andere Dinge.

Wieso Paris? Wieso schon wieder Paris? Wieso in Europa, in einem friedlichen Land, in der Stadt der Liebe, in der die Sicherheitsvorkehrung wegen der bevorstehenden Weltklimakonferenz sowieso höher als sonst sind. Die Antwort liegt nahe: deswegen. Weil Paris friedlich und wunderschön und ruhig ist, weil diese – sorry- Vollspackos (es gibt tausend Mal treffendere Bezeichnungen, das war nur das erste, was mir eingefallen ist) unbedingt beweisen wollen, dass auch die schärfsten Sicherheitsvorkehrungen nicht gegen sie stand halten können. Weil sie vermutlich ein Zeichen setzen wollen, dass auch in Städten wie Paris niemand vor ihnen sicher ist.

Sicher werden in den kommenden Tagen auch wieder viele Stimmen laut werden, die sagen: „In anderen Ländern passiert das jeden Tag, und keiner kümmert sich darum, und jetzt geschieht es einmal in Paris und alle machen einen auf Bestürzung und ballern die sozialen Medien voll damit:“ Diese Stimmen haben ganz bestimmt nicht unrecht. Der Grund, wieso trotzdem genau jetzt die Bestürzung so hoch ist, ist aber naheliegend: es trifft und betrifft uns mehr. Ob das nun verständlich oder schlecht ist, sei dahingestellt. Fakt ist, Frankreich ist unser Nachbarland, nach Paris fährt man als Deutscher öfter als nach Palästinensa oder Syrien, und genau so gut, wie es in Paris geschehen ist, hätte es auch in Berlin passieren können. Damit nicht genug, im Zentrum des Geschehens befand sich unsere Nationalmannschaft, die Bomben waren im Stadion gut hörbar, und gestorben sind bei dem Massaker Menschen, wie du und ich, Touristen, Passanten, Leute, die nur noch kurz einkaufen gehen wollten, Ehepaare, die sich im Theater einen schönen Abend machen wollten. Genau. das. könnten. wir. sein. Wir alle. Und über allem steht die Frage: War das vielleicht erst der Anfang? Ich weiß es nicht. Ich bin 16 Jahre alt, habe Gemeinschaftskunde zweistündig und keinerlei Erfahrungen und Vergleiche für solche schreckliche Taten. Ich kann nur für mich sagen, dass ich in all diesen Menschen keine Menschlichkeit mehr sehe.

Und ich habe Angst. Genau wie so viele andere in diesem Moment auch. Wenn ich an die Menschen denke, die jetzt in Paris sind, die das alles miterlebt haben, die Angehörige verloren haben und Dinge gesehen und gehört haben, die niemand sehen und hören will, dann werde ich traurig, und egal ob es etwas nützt, oder nicht, ich hoffe für sie. Dass sie das alles irgendwie, irgendwann einigermaßen verarbeitet haben, insofern das eben möglich ist.

Ich möchte nicht noch mehr Hass verbreiten, sicher nicht, und es bringt auch nichts, wenn ich diesen Tätern meinen Hass ausspreche, aber wenn es was nützen würde, ich würde es tun. Das ist doch nicht mehr menschlich, das hat schon lange aufgehört, Sinn zu machen.

Meine Freude über das Wochenende hält sich in Grenzen. Vielleicht hier noch ein Link zu einem Lied, das ich wirklich gut finde, weil es vom Text her genau das aufgreift, was hier unten gerade abgeht.

In diesem Sinne, euch trotz allem ein schönes Wochenende,

bis bald

 

 

Mein Name ist Tabitha Anna und ich bin 22 Jahre alt. Ich komme aus dem Süden von Baden-Württemberg und liebe es, zu lesen, zu schreiben und zu reisen. Seit Oktober 2019 studiere ich deutsche und italienische Sprach- und Literaturwissenschaft in Freiburg im Breisgau.