Deine Welt und die große Welt

Kategorien Gedanken

2016 ist jetzt schon 15 Tage alt, aber Silvester kommt mir vor, als wäre es seit Monaten gewesen. Und das liegt vor allem daran, dass seitdem schon wieder so viel passiert ist. Da waren richtig gute Dinge dabei, Tage mit Freunden, ein aufregender Schulstart, Klassenarbeiten über Klassenarbeiten und vor allem ein geniales erstes Fasnetwochenende beim Ringtreffen.

Aber da war eben auch richtig viel schlechtes, und das hat schon in der Silvesternacht angefangen, in der unzählige Frauen einen Alptraum erleben mussten, in der Menschen nicht wussten, wie man sich zu benehmen hat, und in der Flüchtlinge einmal mehr in den Generalverdacht gerückt sind. Ständig kommen neue Wellen auf, rechte Wellen, Protest-Wellen, und – leider- auch Terrorwellen. In Istanbul hat sich ein Anschlag ereignet, direkt vor der Blauen Moschee, einem wichtigen Platz für Touristen. Daraufhin brach in sozialen Netzwerken eine Diskussion auf, wieso hier kaum eine türkische Flagge oder ein #PrayForIstanbul aufgetaucht ist.

In Deutschland gab es Aufruhr, weil ein Bus voller Flüchtlinge direkt nach Berlin geschickt wurde, hauptsächlich aus Provokation. Auch in den sozialen Netzwerken wird pausenlos diskutiert, provoziert, angegriffen und verspottet.

Irgendwie habe ich das Gefühl, gar nichts anderes mehr zu sehen. Alle Probleme wachsen: die Flüchtlingsproblematik, der Terror, die Angst, der Fremdenhass, der Hass auf „Gutmenschen“, „Lügenpresse“ und auf Aussagen wie „Alles wird gut“. Und langsam kann ich daran nicht mehr glauben, ganz im Allgemeinen, jetzt mal im Ernst: wird wirklich alles gut?

Ich könnte mit meinem Leben so glücklich sein, weil alles so gut läuft. Ich hab die Schule im Griff, die besten Freunde, die man sich vorstellen kann, und auch an kalten Tagen wie diesen ein wärmendes, schneedichtes Dach über dem Kopf. Der Winter, den ich mir so lange gewünscht habe, ist endlich da, ich kann Skifahren, und auf die Fasnet gehen. Mit meinem Buchprojekt läuft es gut, ich habe viele Ideen für Wettbewerbe und selbst mein Blog wächst und wächst, was mich wahnsinnig freut. Ich verbringe lustige Stunden in der Schule, habe unzählige Reiseziele vor mir und kann – besonders in den letzten Wochen- auf Momente zurückblicken, die nahezu magisch sind.

Und trotzdem bin ich nicht glücklich.

Das macht mir Angst. Das lässt mich fragen wieso. Stimmt etwas mit mir nicht? Bin ich undankbar? Oder – ich unverbesserlicher Hypochonder- auf dem Weg, depressiv zu werden?

Ich glaube die Wahrheit ist einfach, dass mich das, was auf der Welt gerade passiert viel mehr mitnimmt, als ich es mir selbst und anderen eingestehe. Ich mache das nicht mal bewusst, aber all die negativen Nachrichten, die uns zur Zeit erreichen, ziehen mich jeden Tag noch mehr runter. Ich habe das Gefühl, dass es gar keine Verbesserungen mehr gibt. Vielleicht liegt das einfach daran, dass ich jetzt eben nicht mehr zehn, sondern sechzehn bin. Mit zehn ist die Welt noch sehr viel heller, weil man verschont wird, weil man längst nicht alles mitkriegt, und nicht alles hinterfragt. Mit zehn hatte ich kein Facebook und war nicht auf Youtube unterwegs, wo es Videos von Magersucht, Terroranschlägen und brennenden Flüchtlingsheimen gibt. Dass schlimme Dinge geschehen war 2001 genau so aktuell wie heute, aber liege ich falsch, wenn ich sage, es nimmt zu? 2001 gab es doch noch keine ISIS, und zumindest bis September war Terrorbedrohung auch noch kein großes Thema. Flüchtlinge gab es nicht in diesen Maßen, und der schlimme Amoklauf in Winneden war auch noch nicht passiert.

Aber eigentlich sind diese Aufzählungen sinnlos. Fakt ist, jetzt stehen wir vor diesen Problemen, und das bedeutet, wir müssen sie angehen. Nur: ich persönlich kann gar nichts angehen. Das Gefühl habe ich  zumindest zur Zeit. Ich kann nur dastehen und Tag für Tag noch mehr schreckliche Neuigkeiten hören. Ich fühle mich hilflos, ungeschützt, machtlos und irgendwie auch schuldig, weil ich hier einfach so unversehrt und glücklich leben darf.

Das alles tut mir nicht gut, das merke ich ganz genau. Ich suche nach Lösungen, wie ich besser leben kann. Vielleicht muss ich gar nicht alle Youtube-Videos anschauen, die mir zum Weltgeschehen vorgeschlagen werden. Vielleicht muss ich nicht über jeden #PrayForTheWorld- Beitrag nachdenken, und ganz bestimmt muss ich auch nicht immer einen Blogbeitrag schreiben, wenn etwas schlimmes passiert ist, und darin meine Fassungslosigkeit und so weiter ausdrücken.

Auch wenn es total egoistisch klingt, ich glaube, ich muss aufhören, über alles betroffen zu sein. Vor lauter Druck, mein heiles Leben zu genießen, bin ich gar nicht mehr in der Lage, das zu tun. Ich habe schon immer viel über alles nachgedacht, und dabei viel auch in mich reingefressen, aber in letzter Zeit hat das Überhand genommen.

Ich schreibe diesen Text a)weil es mir selber hilft, klarer im Kopf zu werden, und das Schwarz auf Weiß zu haben, was nur in meinem Kopf herumgegeistert ist, und b) weil ich mir selber wünschen würde, sowas zu lesen, von jemand anderem , dem es ähnlich geht. Denn wie gesagt: als ob ich bei so etwas die Einzige bin.

Eins muss mir wieder klar werden: in unserer Welt ist längst nicht alles kaputt. Es gibt so viel schönes, wir müssen es nur erkennen.

Vielleicht glaube ich es ja doch: alles wird gut 🙂

Falls ihr diesen Text bis hierher gelesen habt, dann danke, dass ihr euch tatsächlich 907 Wörter hormonbedingtes Rumheulen angetan habt. Das ist mir echt viel Wert! 🙂

Liebe Grüße und schönes Wochenende euch allen, genießt den Schnee!

Mein Name ist Tabitha Anna und ich bin 22 Jahre alt. Ich komme aus dem Süden von Baden-Württemberg und liebe es, zu lesen, zu schreiben und zu reisen. Seit Oktober 2019 studiere ich deutsche und italienische Sprach- und Literaturwissenschaft in Freiburg im Breisgau.