Pfizela 2016

Kategorien Kurzgeschichten

Am Ende deines Lebens erinnerst du dich nicht an die Nächte,

in denen du viel geschlafen hast!

 

Pfizela 2016- 6 Tage älter, 6 Tage reifer und für die nächsten zwei Wochen erstmal tot. Das ist vielleicht ein Fazit, aber noch keine Erklärung für das, was in den letzten 6 Tagen passiert ist. Wo soll ich anfangen, wo soll ich aufhören, wenn diese ganzen Dinge keinen Anfang haben und kein Ende nehmen? Denn das Pfizela, das habe ich gelernt, lässt dich nicht mehr los. Nie wieder. Wenn du einmal da warst, dann weißt du, was es heißt, eine Familie zu haben mit Leuten, die nicht mit dir verwandt sind, du weißt, dass es möglich ist, sich 365 Tage nicht zu sehen und innerhalb von Stunden wieder vertraut zu sein, und du weißt, es gibt nichts Besseres, als das. Weil es das Beste ist.

Seit mittlerweile 41 Jahren veranstaltet die Sportkreisjugend Sigmaringen jedes Jahr Anfang der Pfingstferien das Pfingstzeltlager, zu dem Kinder und Jugendliche aus dem ganzen Landkreis kommen können. 6 Tage in Zelten wohnen und mit circa 100 (oder mehr) anderen Kindern Abenteuer erleben- das ist der Reiz, der schon meine Eltern ins Zeltlager gezogen hat. Aber erst vor gut 4 Jahren ist es meinem Vater wieder eingefallen, und das war der Moment, an den ich immern noch so oft denke. Was, wenn ich damals, als er mir den Flyer gezeigt hat, nein gesagt hätte? Was wenn ich als 13jährige keine Lust auf Zelten, Viecher und Kälte gehabt hätte? Was wenn ich damals nicht diesen verrückten Versuch gewagt hätte, in ein Zeltlager voller Leute zu gehen, die ich gar nicht kenne?

Fakt ist aber, ich habe es gemacht, 2013 war mein erstes Pfizela und jetzt, 2016, sitze ich hier und habe mein viertes hinter mir. Hinter mir liegen jetzt schon 24 Tage Zeltlager, und in diesen vier Jahren sind total viele Dinge passiert. Beim ersten Mal war ich hauptsächlich noch mit meinem Zelt zusammen aber man kommt einfach so unglaublich schnell rein in dieses Konstrukt, dieses System oder- etwas kitschiger- in diese Familie. Weil, letztendlich ist es genau das, was das Pfizela ist: eine riesengroße Familie, die jedes Jahr erweitert und verlassen wird, die sich verschiebt, verändert, wächst, stärker wird. Sie ist offen für jeden der kommen will und verkraftet jeden Verlust, aber der harte Kern bleibt irgendwie immer gleich und das macht es vermutlich auch aus.

Egal ob man Kanu fährt, die Seilbahn, die quer über den Lagerplatz geht herunter rast, sich über den natürlich mal wieder viiiiel zu langen O-Lauf beklagt oder auf der Nachtwanderung zu Tode erschrickt- man tut es nicht alleine. Man tut es mit Leuten zusammen, die man nur über das Zeltlager kennengelernt hat, und die man vielleicht auch wieder das ganze restliche Jahr nicht sehen wird. Ich habe so eine meiner besten Freundinnen kennengelernt, mit der ich zwar auf WhatsApp schreibe, aber das ist nicht das Selbe wie wenn wir Jahr für Jahr zusammen am Lagerfeuer sitzen.

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Vor meinem ersten Pfizela habe ich mir die Betreuer irgendwie auch immer ein bisschen wie Lehrer vorgestellt -klassenfahrtverseuchter Mensch würde ich sagen- aber das war ungefähr das Dümmste, was man denken kann. Klar haben sie das Sagen und MÜSSEN auch ab und zu was sagen, weil das Zeltlager sonst garantiert im Chaos versinken würde (ich sag nur Ökospiel), aber im Grunde genommen versteht man sich einfach mit allen so mega gut, man lernt voneinander, hört aufeinander und übernimmt gegenseitig Verantwortung.

 

 

Dieses Jahr durfte ich das zum ersten Mal näher kennenlernen, denn zusammen mit 6 anderen Jugendlichen in meinem Alter, die ich alle schon aus früheren Zeltlagern kenne, war ich BH oder HB oder wie auch immer- jedenfalls Hilfsbetreuer. Wir waren also sozusagen Azubis, um dann irgendwann- vermutlich wenn wir 18 sind- zu richtigen Betreuern  zu werden. Dazu, das ist auch so eine Sache, die ich in den letzten 6 Tagen gelernt habe- gehört nämlich eine ganze Menge. Die ganze BH-Zeit war eigentlich ein Praktikum- in der Arbeit mit Kindern, Küchenarbeit, Zelttechnik, Feuertechnik, Entertainment und und und. Betreuer zu sein ist viel, viel anstrengender als ich davor jemals gedacht hätte, und es ist nunmal so, dass nicht jeder wirklich dafür geeignet ist, und das es hart sein kann, das einzusehen. Ob ich dafür gemacht bin, Teil eines Betreuerteams für 130 Kinder zu sein, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass mir trotz dem Stress und der Anstrengung die ganzen Sachen wahnsinnig viel Spaß gemacht haben. Ich hatte so ein cooles Zelt – leichter hätten sie es mir für mein erstes Jahr als Zeltbetreuerin nicht machen können. Wenn man hierher kommt, lernt man so viele Leute kennen, hört unglaubliche Geschichten und wird in Gespräche verwickelt, die man so nie erwartet hätte. Es sind „nur“ Kinder, aber eben nicht nur, weil auch sie total viel zu sagen haben und man mit ihnen so viel Witziges erleben kann.

Das Beste am BH sein war aber einfach, dass ich es wie gesagt nicht alleine war, sondern mit den 6 anderen, und wir sind so mega zusammengewachsen in dieser Zeit. Gerade weil wir uns das ganze Jahr – teilweise sogar 2 Jahre- nicht gesehen haben, gab es so viel zu erzählen, dass es praktisch nie still war. Tausende von Witzen, Insidern und verrückten Geschichten haben uns zu dem gemacht was wir jetzt sind: beste Freunde. Beste Freunde, die sich in einem Jahr wiedersehen und wieder mal das beste BH-Team aller Zeiten sein werden. Zusammen haben wir gespült, aufgebaut, abgebaut, geputzt, und und und. Als einer von uns Nachtwache machen musste und schon um eins beinahe eingeschlafen wäre, sind wir einfach mit ihm wach geblieben – scheiß auf Schlaf, weil im Pfizela jede Sekunde zählt- und hatten das Lager zusammen voll im Griff 🙂

All my favourite conversations, always made in the a.m.

Diese Gespräche am Lagerfeuer, im Betreuerzelt, mitten auf der Wiese, Themen über die man tagsüber niemals sprechen werden, kommen nachts unter den Sternen von ganz alleine. Scheiß egal was, man kann über alles reden, während vor einem das Feuer lodert.

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…oder aber man fabriziert aus Gummihandschuhe die geilsten Tiere der Welt 😀

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Dann wäre da noch die Gewaltspirale, ein Phänomen, das so eigentlich nur im Lager auftauchen kann. Das Prinzip ist einfach: jemand tut jemand etwas, der andere schlägt härter zurück, und so steigert es sich hoch, bis zu dem Punkt an dem einer weint. Man kann aussteigen oder zum Doppelschlag ansetzen, und es gab schon Lager, da ist das Ganze übel eskaliert. So eine Gewaltspirale ist mega witzig, wenn man zuschaut- aber wäre ja nicht normal, wenn ich nicht prompt mittendrin gelandet bin. Details zu meiner ganz persönlichen Gewaltspirale lasse ich jetzt mal raus, vielleicht nur so viel: wir beide wissen jetzt, wie Schlamm im Gesicht schmeckt, dass Mohrenkopf im Gesicht echt widerlich ist, und wie Cola in den Haaren kleben kann 😉

Wenn wir schon bei Schlamm sind, das Wetter war natürlich alles andere als gut zum Zelten. Regen, Kälte, Bodenfrost – alleine in diesen 6 Tagen erreichten die Lagerleitung vier Unwetterwarnungen. Das Wetter hinderte uns daran, das aufwendig geplante Kanu-Battle durchzuführen, was sehr traurig war, aber in diesem Fall das einzig richtige. Ich hätte auch mit meinem Jungszelt mitfahren müssen, und ehrlich gesagt war ich erleichtert, als es ausfiel, weil die Verantwortung mir viel zu viel Angst gemacht hätte. Abgesehen von diesem Problem war uns das Wetter meistens aber gelinde gesagt scheißegal, wenn wir alle leben nach dem Motto:

Bei gutem Wetter Zeltlager machen kann jeder 🙂

Während in unserem nächsten Umkreis zwei Zeltlager evakuiert und abgebrochen wurden, haben wir durchgehalten- mit Heizlüftern, Trockenzelt, Wärmeflasche und Lagerfeuer. Es war nervig, es war kalt, es war umständlich, aber eigentlich war es egal. Das konnte nur klappen, weil die Lagerleitung und das ganze Betreuerteam sich so dermaßen reingehängt hat, beim Aufbauen im strömendem Regen, beim Beschäftigen der Kinder und beim Saubermachen des dezent dreckigen Klo-Bodens. Ich hab so viel Respekt davor, und bin so dankbar, dass uns das Jahr für Jahr ermöglicht wird.

Der Abschied gestern war so hart, ich wusste gar nicht ob ich traurig, wütend oder einfach nur müde war. Du schaust Leute an, mit denen du 6 Tage lang ununterbrochen zusammen warst, und sagst Tschüss für 365 Tage. Es macht dich traurig, zu gehen, und wütend, dass es nicht anders geht, und naja, über das müde müssen wir glaube ich nicht reden 🙂

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Die Wahrheit ist aber, dass auch ein Jahr wie eine Sekunde vergehen kann, wenn man sich auf etwas so sehr freut wie auf das Pfizela. Es wird gar nicht lange gehen, dann sitzen wir schon wieder alle zusammen am Lagerfeuer. Ich bin so dankbar, dass ich Teil dieser riesengroßen Familie sein darf, es wird nie anders sein. Egal wie es weitergeht, an das Pfizela muss man sich einfach erinnern, es prägt einen, es macht einen aus. Die letzten 6 Tage war ich ausgehebelt aus meiner ganz persönlichen Realität, wie auf einer Insel, auf der ich ausruhen konnte, und jetzt geht es zurück ins Leben, wie unser Lagerleiter gestern noch so schön gesagt hat.

Es wird Zeit, zurück ins Leben zu kommen, nächstes Jahr sehen wir uns alle wieder, und jetzt bleibt mir nur noch eins zu sagen:

SUPER MO!!!!!

Mein Name ist Tabitha Anna und ich bin 22 Jahre alt. Ich komme aus dem Süden von Baden-Württemberg und liebe es, zu lesen, zu schreiben und zu reisen. Seit Oktober 2019 studiere ich deutsche und italienische Sprach- und Literaturwissenschaft in Freiburg im Breisgau.