One day in Tübingen

Kategorien Reiseatlas, Tagebuch

Einfach irgendwo einsteigen und an einem Ort aussteigen, wo es anders ist- nach nur zweieinhalb Wochen vermisse ich das bereits wieder wahnsinnig. Zweieinhalb Wochen – so lange bin ich jetzt schon wieder zuhause, aber es kommt mir viel länger vor. So viel ist passiert, seit ich in China war. Vor allem ist dieser Blog innerhalb einer Woche wahnsinnig gewachsen, weil es ihn jetzt auch auf Facebook gibt, und ich kann euch gar nicht sagen, wie dankbar und glücklich ich für und über euer Feedback bin!

Heute bin ich tatsächlich mal wieder in einen Zug gestiegen, der mich nicht zur Schule bringt, sondern weg von ihr. Es ging nach Tübingen- nicht ganz so krass und weit wie China, aber eindeutig eine meiner Lieblingsstädte. Wäre Tübingen nicht so nah an meiner Heimat, würde ich später liebend gerne da studieren, aber mir ist einfach klar, dass ich mal raus muss: ganz weit raus 😉

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Unser Spanischkurs hat sich zusammen mit dem der elften Klasse auf den Weg nach Tübingen gemacht, weil dort gerade das Cine Latino 2016, ein spanisches Filmfestival stattfindet. Dieses Festival gibt es nicht nur in Tübingen, sondern auch in anderen Städten. Immer Mitte April werden dabei Filme aus oder über Lateinamerika gezeigt, sowohl für jüngere als auch für ältere Zuschauer.

Wir sind schon zum dritten Mal hingefahren. Die letzten beiden Jahre waren die Filme irgendwie immer etwas ernüchternd und ähm nun ja, sagen wir mal verstörend. Trotzdem war es immer eine gute Erfahrung, weil man doch ziemlich viel Spanisches verstanden hat und so das Gelernte auch mal praktisch anwenden konnte.

Deswegen waren wir schon morgens voller Vorfreude, und das Wetter hat sein Übriges getan. Ich habe jetzt eigentlich nicht vor, ewig über das Wetter zu reden wie alte Leute, aber geht es euch nicht auch so, dass euch das Wetter manchmal wahnsinnig beeinflusst? Eigentlich verrückt wie uns die Farbe des Himmels zu anderen Menschen machen kann, aber ich erwische mich immer öfter dabei, an einem wolkenverhangenen Tag richtig deprimiert zu werden. Umso mehr genieße ich es, dass es jetzt wieder anders wird. Der blaue Himmel hat so etwas beruhigendes. Es ist, als würde er mir sagen, dass nach der ganzen grauen, stressigen und schwierigen Zeit jetzt alles wieder besser wird.

Ich sitze mit meinen besten Freunden im Zug, wir lachen über Kleinigkeiten, und ich genieße den Moment. Ich bin nicht mehr in China, und jeden Tag vermisse ich die Ferne, aber in diesem Moment, jetzt gerade, ist alles gut, so wie es ist.

Den Moment genießen. Darauf kommt es an. Nicht darauf, wo man gerade ist. Ich kann hier genau so glücklich sein wie in Asien, Amerika oder Timbuktu. Ich glaube es zählen viel mehr die Leute, die wir um uns herum haben, die Pläne, die vor uns liegen und die Sichtweise, mit der wir durchs Leben gehen. Verrückt, dass mir das hier klar geworden ist, in einer Regiobahn von Hechingen nach Tübingen. Und eben nicht irgendwo ganz weit weg!

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Leider stehen Ausflüge bei uns nie so ganz unter einem guten Stern. Um euch eine kleine Auswahl zu bieten: in der siebten Klasse sind wir drei Stunden durch die Kreisstadt gelaufen, weil wir die Suchtpräventionsstelle nicht gefunden haben. So sind wir unverrichteter Dinge wieder heimgefahren – und werden garantiert später alle drogenabhängig. Desweiteren durften wir im Schullandheim 5 Tage lang tagtäglich eine Skipiste mit gefühlt 9o Grad Steigung erklimmen, weil wir leider nie den Fußweg zu unserer Berghütte gefunden haben. In der neunten Klasse wollte unsere Stufe das ehemalige Konzentrationslager in Dachau besichtigen- angekommen sind wir leider nie. Zufällig fing just an diesem Tag und just auf dieser Autobahn ein LKW Feuer. Das Resultat: wir standen 4 Stunden im Stau, 99 Prozent unserer Stufe musste dringend aufs Klo und als wir aus dem Stau rauswaren, war es auch schon wieder Zeit, nach Hause zu fahren 🙂 So ein Pech aber auch!

Dementsprechend wunderte sich eigentlich niemand, als wir in Hechingen angekommen, gerade noch unseren Anschlusszug vorbeifahren sahen. Unsere Lehrer erkundigten sich – nach einem leichten Anflug von Verzweiflung- relativ optimistisch nach dem nächsten Zug nach Tübingen. Tija, als sie die Antwort erhielten, sahen sie nicht mehr ganz so positiv aus. So durften wir alle eine wunderschöne, sinnvolle Stunde in der Innenstadt Hechingen verbringen, die nebenbei bemerkt über eine überragende Infrastruktur verfügt. Wir durften zwar nur die Apotheke und eine Bäckerei kennenlernen, sind uns aber sicher, dass da irgendwo noch ganz viel mehr ist! Immerhin – der Salat in der Bäckerei war superlecker.

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Unglaublich aber wahr: irgendwann haben wir es dann tatsächlich nach Tübingen geschafft. Das Gute ist, dass wir im Laufbahn unserer Schulzeit schon ungefähr zehn diverse Ausflüge nach Tübingen gemacht haben, deswegen kannten wir uns alle bestens aus und fanden das „Kino Museum“ rechtzeitig, um noch hereingelassen zu werden. Au revoir schöne Freizeitstunde in Tübingen! Ab ging´s in den großen Kinosaal. Ich weiß noch, wie wir vor zwei Jahren regelrecht ausgerastet sind, weil es so riesig war. Jetzt sind wir selbstverständlich schlauer und haben profimäßig die Reihe geortet, von der aus man den besten Sichtwinkel auf die Leinwand hat. Keine Ahnung, ob das auf die anderen Schüler irgendwie verstörend gewirkt hat oder so, jedenfalls hatten wir die Reihe für uns- mit circa 25 freien Plätzen.

Leider habe ich vergessen, im Kino selbst Fotos zu machen, aber im Video ist es kurz zu sehen, und naja, es ist eben einfach ein Kino 🙂

Wir haben uns den Film „BBoy for Life“ angesehen. Er stammt aus dem Jahr 2013 und ist eigentlich ein Dokumentarfilm, auch wenn es gar nicht so wirkt. Das liegt daran, dass permament eine Spannung vorhanden ist, die es mir unmöglich gemacht hat, einzuschlafen. Damit habe ich eine zweijährige Tradition gebrochen 😉 „BBoy for Life“ spielt in den Ghettos von Guatemala und dreht sich hauptsächlich um das alltägliche Leben dort. Zu diesem Leben gehört vor allem das „Gang-„Phänomen, das ursprünglich aus Amerika kommt. Oft sind die Gangs eine Art Ersatz für die fehlende Familie. Ihr Ziel ist simpel: töten. Es wird nicht mit Beschreibungen von Gewalttaten gespart, sowohl von Menschen, die bei den Gewalttaten Verwandte verloren haben als auch von Gang-Mitgliedern selbst, die die Regisseure im Gefängnis besucht haben.

In dem Film lernt man drei Hauptcharaktere kennen: Cheez und Gato sind Jugendliche aus Guatemala, die sich mit einer Art Mischung aus Hiphop / Breakdance von der Gewalt in ihrem Land ablenken wollen. Besonders Cheez setzt sich auch für andere Kinder ein, die unter den Gangs leiden und ihrem Einfluss zu verfallen drohen. Mit einigen anderen Tänzern gehören Cheez und Gato zu der Tanzgruppe „Poker Team“. Ihr Ziel: die größte und wichtigste Dance Competition in Guatemala zu gewinnen.

Außerdem lernen wir Leidy kennen. Leidy ist Mutter von zwei Söhnen und selbst aktives Gang-Mitglied. Als sie nach 8 Jahren aus dem Gefängnis entlassen wird, beschließt sie, ihr Leben zu ändern. Sich, aber vor allem ihren Kindern zu liebe sucht sie eine neue Perspektive und riskiert ihr Leben, indem sie aus der Gang austritt.

Der Film hat mich wirklich wachgerüttelt und mir vor Augen gehalten, wie gut es uns hier geht, und wie unvorstellbar traurig es sein muss, in einem Land zu leben, wo Gewalt Alltag ist, wo blanker Horror für die Menschen längst Gewohnheit wurde. Wie überlebt man so was? Wie findet man den Mut, wie Leidy das komplette Leben umzukrempeln und es zu riskieren, indem man austritt aus dem alten Muster?

Was mich am meisten nachdenklich gemacht hat, ist, dass der Film in Guatemala momentan noch nicht gezeigt werden darf. Zum einen, um Leidy vor der Gewalt der Gang zu schützen, zum anderen um allgemein nicht zu provozieren. Dass es gefährlich für ein ganzes Land sein kann, einen Film zu zeigen- das ist eine krasse, traurige wahre Erkenntnis. Umso wichtiger ist es, dass diese Dokumentation, die so nah dran ist an der Realität, überhaupt gedreht worden ist. Nur wer Bescheid weiß, kann vorgehen gegen Gewalt und Elend- mein Respekt an alle, die das Tag für Tag tun.

enge straße

Nach dem Film und einer kurzen Fragerunde mit einem Guatemala-Experten blieb uns noch eine halbe Stunde Zeit, um das schöne Wetter in Tübingen zu genießen. Nicht wirklich geeignet für eine ausgiebige Shoppingtour, also haben wir uns für Variante 2 entschieden: ein Eis 😉

fußgängerzone

Danach waren wir noch in dem Park nahe dem Bahnhof (keine Ahnung wie der heißt…Bahnhofspark???). Mit diesem Ort verbinden wir seit letztem Sommer nicht unbedingt ein gutes Gefühl, denn als wir dort bei unserem letzten Klassenausflug saßen haben wir von einem Amoklauf an unserer Schule erfahren. Letztendlich hat sich herausgestellt, dass es bei einer Amokdrohung geblieben ist, aber es war ein Großaufgebot an SEK und Polizei vorhanden, und die Stunden im Zug, in denen wir Gerüchte von angeblichen Schüssen und Toten mitbekamen, werden für immer zu den schrecklichsten meines Lebens zählen.

Zum Glück ist das alles Vergangenheit, und heute konnten wir den Tag einfach genießen.

alle farben

blütenbaum

baum park

Toll und organisiert wie wir sind ging auf der Heimfahrt dann alles gut, keine verpassten Züge und auch kein brennender LKW, und so war ich wirklich froh, als ich nach einer weiteren supertollen Busfahrt über alle Käffer dieser Welt endlich zuhause war. Keine Ahnung wieso, aber Zug-und Busfahrten machen mich einfach immer fertig 🙂

Weil ich aber zur Zeit so mega motiviert bin, habe ich sofort angefangen, das Video zu schneiden und die Bilder zu bearbeiten. Sämtliche Elftklässler und Passanten in Tübingen halten mich jetzt wahrscheinlich für Psycho, weil ich den ganzen Tag mit Kamera rumgelaufen bin. Ohne Witz, wie halten Youtuber das aus?! 🙂 Also noch mal sorry an euch alle, und nein ich war nicht zum ersten Mal in Tübingen 😀

Ich hoffe, ihr alle da draußen konntet das schöne Wetter auch genießen und mein Tag hat euch nicht zu sehr gelangweilt. Informiert euch gerne auf http://www.filmtage-tuebingen.de/latino/ über das Cinelatino, schaut euch den Trailer von Bboy for life an oder seht meinen Tag da unten als Video. Viel Spaß!

Mein Name ist Tabitha Anna und ich bin 22 Jahre alt. Ich komme aus dem Süden von Baden-Württemberg und liebe es, zu lesen, zu schreiben und zu reisen. Seit Oktober 2019 studiere ich deutsche und italienische Sprach- und Literaturwissenschaft in Freiburg im Breisgau.