Die letzten 100 Tage bis zur Volljährigkeit

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Zeit ist relativ, das muss ich niemandem erzählen. Die letzten Wochen zum Beispiel, in denen ich keine einzige Sekunde und keinen Nerv dazu gefunden habe, diesen Blog endlich wieder zum Leben zu erwecken, vergingen wie in Zeitlupe – obwohl Seminararbeit, Zimmer aufräumen und die letzten Klausuren ihr Bestes gegeben haben, mich abzulenken.

Wie schnell können 100 Tage vorbei gehen? In 100 Tagen bin ich 18 Jahre alt, und es kommt mir vor wie Ewigkeiten, und dann denke ich daran, dass vor 100 Tagen der 19. März war, der Sonntag nach einem Besuch in der Disco – von dem ich das Gefühl habe, er wäre  vorletzte Woche gewesen. 100 Tage können rasend schnell vergehen, selbst wenn darunter die Fastenzeit fallen und Klausuren und Osterferien, die man ausschließlich am Schreibtisch verbringt. Jetzt denke ich an die nächsten 100 Tage, in denen wir KEINE KLAUSUREN mehr schreiben (momentan noch unvorstellbar) , Sommerferien bekommen, rumreisen, feiern, schlafen und einfach nichts machen.

Was also fange ich an mit meinen letzten 100 Tagen ohne Verantwortung?

  • Eine Bank überfallen. Weil jetzt noch meine Eltern dafür eingesperrt werden würden statt mir. Dumm nur, dass mich die Angestellten in der Bank mittlerweile äußerst gut kennen, weil ich ihnen in den letzten Wochen öfters einen Besuch abgestattet habe. Der Grund: mein Pincode wurde als falsch angezeigt und ich war fest davon überzeugt, ihn zu kennen, wobei letztendlich herauskam, dass ich den meines alten Bankkontos im Kopf hatte (das seit 3 Jahren stillgelegt ist, aber ja ich bin auf jeden Fall mental bereit, volljährig zu werden!)
  • Einen Unterkurs schreiben und es auf meine noch nicht vollständig ausgeprägte mentale Gehirnleistung schieben. Günstiges Fach hierfür: Mathematik, dann muss ich schon nicht mehr darauf lernen obwohl es sowieso nichts nützt. Kleines Problem dabei: dieser Punkt ist leider bereits abgehakt (IHI, kurz für: Ich hasse Integrale!!). Abgesehen davon bin ich nicht besonders zuversichtlich, dass mich mit 18 Jahren der Blitz der Erleuchtung trifft, und so kann ich das Unterkurs-schreiben getrost auch noch etwas aufschieben. Die nächste Matheklausur-Katastrophe kommt bestimmt…
  • Bei meiner Kinderärztin rumhängen …denn ich liebe sie! Sie alleine wäre Grund genug, niemals erwachsen zu werden, denn ich glaube nicht, dass ich mich bei einem „normalen“ Allgemeinarzt nochmal so wohl und sicher fühlen kann wie das in ihrer bunten Praxis der Fall ist. Message an meinen zukünftigen Arzt: wehe Sie verteilen keine Butterkekse, wenn die Behandlung zu Ende ist…
  • Mich von meinen Eltern durch die Gegend  fahren lassen obwohl es jedes Mal ein Kampf ist, und auch bei  stets mit schlechtem Gewissen verbunden ist. Alleine die Schule, die Arbeit in der SMV und die auf den gesamten Landkreis verteilten Schulfreunde fordern schon zahlreiche Fahrten, und dann kommen noch Fester und Geburtstage dazu, die ich natürlich auf keinen Fall verpassen will. Ich muss es sehr genießen, das nicht-nüchtern-bleiben-müssen auf Partys und das Schlafen und aus-dem-Fenster-starren im Auto.
  • Das Automatikauto meiner Eltern fahren Seit Januar habe ich meinen Führerschein und die Tücken des Schalt-Fahrschulautos waren da ganz schnell vergessen, denn meine Eltern haben ein Automatikauto und mit dem bin ich jetzt schon fünf Monate gefahren. Jedes Mal wenn ich dann mit dem Schaltauto meiner Oma fahre, weiß ich das Automatikfahren wieder mehr zu schätzen. Aber bald steht auf unserem Hof Lydia mit ihrem Schaltgetriebe und freut sich auf tausend Stresssituationen mit mir – beim Anfahren am Berg, mitten in einer Kreuzung und und und…
  • Unterschriften fälschen –mit dem einzig-alleinigen Grund, dass ich wieder mal vergessen habe, den Zettel meiner Mutter zu geben. Kaum zu glauben, wofür man in der Schule die Unterschrift der Eltern benötigt. Frau Teufel, sind Sie auch wirklich einverstanden, dass Ihre Tochter bei der SMV einen Schulplaner für 3,95 Euro erwirbt? Ist es von elterlicher Seite aus in Ordnung, dass wir am vorletzten Schultag eine Dachau-Exkursion machen, an denen Ihr Kind ohnehin verpflichtend teilnehmen muss? Haben Sie gesehen, dass Ihre Tochter in der Bio-Klausur 11 Notenpunkte erreicht hat? Zumindest was die Klausuren angeht ist die Oberstufe deutlich angenehmer als bisher, denn hier bleibt es endlich uns überlassen, ob wir unseren Eltern von unseren grandiosen schulischen Leistungen erzählen oder nicht. Wenn wir mehr oder weniger krank im Bett liegen und deswegen in Mathe leider nicht anwesend sind, müssen unsere Eltern das allerdings noch bis zu unserem 18. Lebensjahr bestätigen. Hier würde ich das Fälschen auch nicht unbedingt empfehlen- aber bei der Sache mit dem Schulplaner bin ich sicher: das ist meinen Eltern nun wirklich relativ egal.
  • Voller Verzweiflung eine Aufsichtsperson suchen Das wäre nicht das erste Mal. Nur zu oft bin ich schon auf ein Fest gegangen, mit einem unausgefüllten „Mutti-Zettel“ in der Tasche, in der Hoffnung, vor Ort noch irgendeinen gnädigen 18jährigen zu finden, der mit mir zur Security zieht und verspricht, mir ab Mitternacht nicht mehr von der Seite zu weichen. Was soll ich sagen: das hat bisher immer funktioniert! An solchen Abenden lernt man, wie groß die Herzen mancher Menschen sind, – und wer deine wahren Freunde sind. So sind wir einmal exakt eine Sekunde nach „Aufsichtsperson-Anmeldeschluss“ bei der Security angekommen, und wurden abgelehnt. Nach einer circa einstündigen Teamwork-Aktion inklusive Tränen und Drama waren wir wieder drin – auf Erlaubnis der Security natürlich! Neue Freundschaften können durch sowas übrigens auch entstehen, und je länger ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich, ich werde diesen Nervenkitzel vermissen!!
  • Rausfliegen, wenn keine Aufsichtsperson gilt Wie oft ich das verflucht habe, ich kann es gar nicht aufzählen. Von allen meinen Freunden, die nach Mitternacht um ihre Existenz bangen müssen, bin ich selbst komischerweise IMMER die Erste, die von der Security entdeckt wird. Mal ehrlich, habe ich irgendwas an mir? Meine Freunde, die mich gut kennen, wissen dass ich absolut nicht lügen kann, und das überträgt sich bei illegalem Aufenthalt auf einer öffentlichen Veranstaltung offensichtlich auf meine gesamte Mimik und Gestik. Meine jahrelange Rausflieg-Karriere wurde im März übrigens gekrönt von einem legendären Abgang vor der Security, bestehend aus: „Dann geh ich eben raus, meine Güte!“ und einem Ausrutschen auf nassen Fliesen. Eins könnt ihr mir glauben: SO SCHNELL BIN ICH NOCH NIE AUS DIESER HALLE GESPRINTET.
  • Festsitzen im größten Kaff der Welt (liebevoll gemeint!) Noch einmal diese Panik verspüren, wenn am Abend das beste Fest seit Monaten stattfindet, oder eine Grillparty bei der besten Freundin 20 Kilometer weiter, oder oder oder. Zugegeben – irgendwie haben wir immer einen Weg gefunden, ich glaube nicht dass wir jemals fahrerlos zuhause geblieben sind. Dafür wurden aber immer wieder unsere Nerven sowie die unserer Eltern strapaziert, es entstanden fragwürdige Kooperationen mit Mitfahrern und manchmal auch spontanes Couchsurfing – wenn auch meistens auf dem Boden. Etwas, das ich vielleicht sogar vermissen werde, aber nein- irgendwie auch nicht.
  • Das sorglose, papierlose, verantwortungslose Leben leben Steuererklärung,  Krankenversicherung, Banküberweisungen, Waschmaschinen bedienen, Hotelbuchungen, Apothekenrezepte, tanken, TÜV-Termine, Zahnarzt-Prophylaxe, Kirchensteuer – ICH HABE KEINE AHNUNG. Und ich bin gespannt, ob sich das in den nächsten 100 Tagen ändern wird.

Fakt ist, das Leben wird anders mit 18, mehr als ich es mir im Moment vielleicht vorstellen kann, aber Fakt ist auch, anders muss sicher nichts negatives sein.

Bis dahin genieße ich meine letzten 100 Tage mit 17, und nachdem ich heute meine letzte- ich nenne es mal schulische Herausforderung – hinter mich gebracht habe, werden in nächster Zeit vor allem endlich wieder mehr Texte aus meinem Hirn auf diese Schaltfläche wandern. Danke danke danke, wenn ihr diesem Blog trotz der langen Pause treu geblieben seid!

Liebste, sommerliche Grüße (Ich überlege übrigens mich umzubenennen, dieser Sommer ist mir irgendwie verdammt noch mal zu heiß und „Wintertinte“ klingt im Moment sehr verlockend…)

Mein Name ist Tabitha Anna und ich bin 22 Jahre alt. Ich komme aus dem Süden von Baden-Württemberg und liebe es, zu lesen, zu schreiben und zu reisen. Seit Oktober 2019 studiere ich deutsche und italienische Sprach- und Literaturwissenschaft in Freiburg im Breisgau.