1 Woche in Berlin | Studienfahrt 2016

Kategorien Reiseatlas

Es gibt ein Buch, das endet mit folgenden Worten:

Glückliche Menschen haben ein schlechtes Gedächtnis und reiche Erinnerungen.

Das Buch heißt „Am kürzeren Ende der Sonnenallee“ und Thomas Brussig, der Autor dieses Buches kritisiert mit dem Spruch, dass das Leben in der DDR im Nachhinein oft verherrlicht wird. Trotzdem lässt er sich auf alles übertragen, was uns im Leben ausmacht, und nach dieser Woche kann ich sagen: ich habe vielleicht ein schlechtes Gedächtnis, aber von den letzten 5 Tagen verdammt, verdammt reiche Erinnerungen.

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Montag, 5:30 Uhr. Zwei Reisebusse und viel zu wenig Schlaf. Jede zehnte Klasse unserer Schule fährt gegen Ende des Schuljahres für eine Woche nach Berlin, mit der ganzen Stufe. Eigentlich heißt das Ganze ja: „Studienfahrt“ und klingt deshalb mega anspruchsvoll, lehrreich und vernünftig. Den zahlreichen Berichten der ehemaligen Zehntklässler kann man aber entnehmen, dass man die Woche genau so gut „Sauffahrt“ oder „Partyexkursion“ hätte nennen können. Das ist aber zu wenig, weil ich jetzt sagen kann: diese Woche war irgendwie alles.

Ich will jetzt gar nicht irgendwie anfangen, unser ganzes Programm aufzuzählen, weil sich das dann fast komplett mit dem „10 things to do in Berlin“-Post decken würde, den ich den nächsten Tagen noch schreiben möchte. Ich will auch gar nicht erläutern was ich an Berlin toll finde und was nicht. Ich glaube ich schreibe das hier hauptsächlich für mich, um das Gefühl von Sehnsucht und Glück, das gerade in mir pulsiert, festzuhalten. Sehnsucht nach all den Momenten, die wir hatten, Glück, dass wir sie erleben durften. Ab dem Moment, in dem die Busse in Gammertingen losgerollt sind, war die Stimmung gut. Raus aus dem Alltag, weg von dem, was uns sonst nervt, gefangen hält und herausfordert. Der Wunsch nach etwas Neuem, etwas Anderen, lag unsichtbar über uns allen, und endlich sollte er erfüllt werden.

Auch wenn wir tragischer Weise in der Mitte getrennt wurden – Bus 1 beinhaltete Klasse 10a und die Hälfte der 10b, Bus 2 den Rest – ging die Busfahrt mega schnell vorbei. Als wären wir wieder sieben Jahre alt, spielten wir Stadt-Land-Fluss, wobei wir zu dem Schluss kamen dass Igelbraten ein Essen und Inder definitiv ein Beruf ist. Unser Busfahrer erwies sich als echter Held, wobei „Held“ ein Überbegriff für Witzeklopfer, Reiseführer und Ersatz-Papa ist, was die ganze Woche über angehalten hat.Trotzdem waren wir natürlich alle sehr froh, als wir angekommen sind, im Hotel Pankow.

Begrüßt wurden wir äußerst freundlich (nicht) von einem Skinhead, mit den Worten: „Scheiß Ausländer! Berlin ist voll davon!“ Es ist also relativ egal, wo man sich aufhält, Rechtsextremismus gibt es so ziemlich überall. Die Begegnung beschäftigte uns aber nicht weiter, weil das Hotel uns eine echte Überraschung bereitete. Hingegen der vielen negativen Bewertungen im Internet war alles mega hell, freundlich und sauber. Es brach lediglich der große Krieg der Boxspringbecken aus, und einige von uns durfte sich mehr oder weniger stark über das kostenlose Oberschenkelmuskel-Training freuen, das man bekam, wenn man im vierten Stock wohnte.

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Nachts wurde das Hotel regelmäßig zum Tatort. Auch wenn wir mit 22:30 als Limit eine für Klassenfahrten verhältnismäßig lange Ausgehzeit hatten, hatte niemand Lust, um 23:00 Uhr brav im eigenen Bett zu liegen. So schlichen wir uns nachts durch die Gänge, um in diversen Brennpunktzimmern Fifa zu zocken, Musik zu hören oder das eine oder andere, selbstverständlich alkoholfreie Getränk zu genießen. Dass manche weiße Bettlaken dabei rote Flecken erhielten, können wir uns so gar nicht erklären, schließlich tranken wir prinzipiell nur Apfelschorle und Wasser. Einmal gab es eine ganz besondere, meiner Meinung nach extrem mutige Aktion: vor den Hotelfenstern, wo sich die Tramstation Pasewalker Straße befand, saß zu später Stunde ein sturzbesoffener junger Mann, der laut auf den Mülleimer klopfte und dabei Beleidigungen ausstieß. Zwei Schüler der 10c haben das bemerkt, und sind vor lauter Hilfsbereitschaft im Schlafanzug zur Tramstation gestürmt, um dem Betrunkenen zu helfen. Leider konnten sie beim besten Willen nicht erkennen, welche Station er vor sich hin lallte. Mittlerweile hing schon die ganze restliche Stufe an den Fenstern, sodass irgendwann auch die Lehrer Wind davon bekamen, und eine Abordnung von zwei Lehrern nach draußen schickten. Zu viert fand das Rettungskomitee dann auf dem Handy des Mannes die Handynummer seiner Frau. Die wurde dann angerufen und versprach, sofort zu kommen.

So bekamen zumindest einige von uns das alltägliche Leben in der Großstadt so richtig hautnah mit. Auch wenn uns der eine oder andere Lehrer bei nächtlichen Zeremonien erwischte und das Badezimmer immer mal wieder zum Fluchtpunkt für Nicht-Zimmerbewohner wurde, war jede der vier Nächte legendär, und wir haben sie alle genossen.

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Tagsüber, während wir versuchten, unseren dezenten Schlafmangel zu kompensieren, hatten wir eine ganze Fülle an Programmpunkten. Weil es letztendlich ja doch eine Studienfahrt war, zählte dazu zum Beispiel der Besuch im Reichtstag und ein Rollenspiel im Bundesrat. Hierbei zeigte sich, wie ausgezeichnet unser Hochdeutsch doch war. Was soll ich sagen, wir bleiben wohl für immer so Schwäbisch, und hey, dafür erkennt man uns immer sofort, wenn wir auftauchen 😉

Und weil wir einfach solche Dorfkinder sind, haben wir auch viel Zeit damit verbracht, einfach durch die vielen Einkaufszentren zu spazieren, endlos S-Bahn zu fahren und die vielen Hochhäuser zu bestaunen. Ich glaube wenn man in der Stadt aufgewachsen ist, kann man sich gar nicht vorstellen wie toll es sich anfühlt, Sätze zu sagen wie: „Ok, die nächste S-Bahn dahin fährt in 2 Minuten“ oder „Treffen wir uns bei Levis oder bei Hollister?“ Ich war zig Mal bei Subway, und zugegebener Maßen auch bei Primark, und ich konnte gar nicht aufhören die Millionen von Menschen anzusehen, die an mir vorbei zogen, jeder verschieden, alle mit einer völlig anderen Herkunft, Lebensweise und Geschichte. Ich dachte immer ich will für immer auf dem Land leben, aber gerade jetzt sehne ich mich danach, längere Zeit in einer großen Stadt zu verbringen. Studium, ich komme!

Ein krasses Ereignis gab es, als wir unseren freien Mittag zum Shoppen nutzten. Wir waren in der Mall of Berlin, einer zumindest für unsere Verhältnisse riesigen Mall, in der es wirklich alles gibt. Gerade probierten wir Hosen, als ein unglaublich lauter Gong ertönte. Dem folgte die Durchsage: „Sehr geehrte Kunden.“ „Jetzt kommt bestimmt Feueralarm!“ raunte meine Cousine im Spaß, wofür ich sie am liebsten geköpft hätte, denn im nächsten Moment kam tatsächlich: „Aufgrund eines technischen Defektes bitten wir Sie, das Gebäude umgehend zu verlassen. Bitte bewahren Sie Ruhe.“ Bitte bewahren Sie Ruhe. Haha witzig. Wir also, ganz und gar nicht ruhig, unsere normalen Sachen angezogen, Tasche geschnappt und die potentiellen Jeans schweren Herzens in der Umkleide zurückgelassen. Gott sei Dank befanden wir uns im Erdgeschoss und konnten durch den Notausgang im Laden das Gebäude verlassen. Zahlreiche Menschen strömten aus allen Türen der Mall, keiner wusste so richtig, was los war. Wir beschlossen intuitiv, erstmal weg zu kommen. Vom Potsdamer Platz aus in die nächstbeste U-Bahn, Hauptsache Land gewinnen.

Die Sache war, dass keiner von uns so richtig an einen technischen Defekt glaubte. Klar konnte es sein, aber es konnte genau so gut etwas viel Bedrohlicheres sein, das nur nicht ausgesprochen wurde um Panik zu verhindern. Es ist so traurig, das zu sagen. Hätte sich das Ganze vor zwei Jahren ereignet, wir hätten gesagt: „Scheiße, technische Störung, schade um die schönen Hosen.“

Und jetzt, nach den ganzen Ereignissen auf der ganzen Welt und vor allem auch in Europa, schwebte über uns allen nur ein Wort, eine einzige Befürchtung: ANSCHLAG. Etwas, was nicht mehr undenkbar ist, schon gar nicht in einer so gut gefüllten Shoppingmall zur Ballungszeit.

Wir haben dann leider nie raus gefunden, was wirklich das Problem war, weder über Facebook noch im Internet generell. Wir sind nur froh, dass es wirklich nichts Schlimmes war, und irgendwie auch dankbar, auch diese Erfahrung mal gemacht zu haben. Aber Wiederholungsbedarf haben wir davon wirklich nicht!!!

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Auch eine Menge Erfahrungen machten wir mit der deutschen Geschichte. Ihr kamen wir während der Studienfahrt auch deutlich näher, aber auf einer Weise, die alles andere als langweilig war. Nicht nur dass wir den Verlauf der Mauer, sowie die Reste an der East Side Gallery mit eigenen Augen sehen und berühren konnten, uns wurde auch zum ersten Mal klar, was die DDR wirklich war. Dass wir in Deutsch im Vorhinein „Am kürzeren Ende der Sonnenallee“ gelesen haben, war dabei eine Hilfe. Aber wie ungerecht und schlimm es war, wurde uns erst bewusst, als wir im DDR-Museum direkt an der Spree, und in Hohenschönhausen im Stasi- Gefängnis waren. Ein Zeitzeuge führe uns herum, und ich sage euch eins: nach so einer Führung seht ihr die ganze verdammte Welt mit eigenen Augen. Der Besuch war aber so umfangreich, atemberaubend und emotionsreich, dass darüber in den nächsten Wochen bestimmt nochmal ein eigener Blogpost kommt. Auch eher für mich selbst, weil ich das brauche.

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Viel viel wichtiger als die ganzen Programmpunkte und Freizeitstunden war aber auf jedenfall einfach das wir. Wir, alle zusammen. Unsere Chaosstufe, die die Leute im Hotel Pankow und vermutlich auch die in Berlin Mitte nicht so schnell vergessen werden. Wir sind vielleicht nicht unbedingt eine Vorzeigestufe, aber das macht uns vermutlich aus. Angefangen hat das alles in England vor zwei Jahren, als wir zum ersten Mal realisierten, dass es ja auch noch Parallelklässler gibt. Seitdem sind wir mal mehr, mal weniger befreundet, aber immer irgendwie verbunden und für jede Aktion bereit. Manchmal braucht es keine Worte, und manchmal ganz viel Schwäbisch. Die Berliner haben einen Bruchteil von dem verstanden, was wir während der Woche miteinander geredet haben, und hätten wir unsere (nicht vorhandenen) Hochdeutsch-Kenntnisse zu Tage gebracht, hätten sie vermutlich nur skeptisch den Kopf geschüttelt. Wir sind so psycho, wir vergessen spontan unser Geschichte-Wissen der letzten zwei Jahre und lachen definitiv immer in den falschen Momenten. Aber wenn wir zusammen sind, wird irgendwie alles möglich. Du kannst sein wer du bist – nur du musst damit rechnen dass dir das eben für den Rest der Woche zum Verhängnis werden kann. Ich will das jetzt gar nicht so ausweiten, also vielleicht nur so viel: mein Spitzname ist neuerdings Hacksuff -Tabbi, obwohl das – also Hacksuff – eigentlich gar nicht mein Gebiet ist 😀

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Wir sind übrigens auch die Stufe, die es schafft, innerhalb von 5 Tagen ein komplettes Notizbuch voll zu bekommen. Das Notizbuch heißt auch Berlinbook und ist der Nachfolger vom Holy book das wir in England geschrieben haben. Ein ganzes Buch voller Insider, Witzen und Erlebnissen der Stufenfahrt- keine Ahnung wie wir damals auf so eine Idee gekommen sind. Fakt ist aber, das ist das Beste was man machen kann, um sich bestimmte Momente für immer aufzubewahren. Die Heimfahrt einer Reise damit zu verbringen, die Tage noch einmal lebendig zu machen, indem man das Buch vorliest, ist jedenfalls richtig cool, und damit ihr wisst, was ich meine, kommt in den nächsten Tagen noch ein „Best of BerlinBook“-Post online. Ihr seht, ich habe schon ganz schön viele Pläne 🙂

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Die letzte Nacht hat den Namen Nacht nicht verdient, weil bei Nacht schläft man eigentlich. Eigentlich begann es schon abends um sechs mit der Fanmeile am Brandenburger Tor. Wie haben wir zuvor gezittert, dass Deutschland ins Halbfinale kommt, damit wir das Spiel dann in Berlin auf der Fanmeile anschauen können. Und was soll ich sagen: es ist wahr geworden!!! Auch wenn wir es durch eine Menge Pech relativ unverdient nicht ins Finale geschafft haben, war es ein mega Erlebnis, das ich nie vergessen werde. Ich sag nur so viel: Max Giesinger (80 Millionen), Culcha Candela (Von allein), Graham Candy (Far away, Please tell Rosie) und Wincent Weiss (Unter meiner Haut) live!!!

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Die Freude darüber hielt auch noch an, als wir längst wieder im Hotel waren, und so beschlossen wir vollkommen enthusiastisch, durchzumachen. Eigentlich hasse ich das, aber ich muss sagen diesmal war es einfach perfekt. Was gibt es Besseres,als nachts um drei am offenen Fenster in Berlin zu sitzen, und mit den Menschen zu reden, die du seit mindestens 6 Jahren kennst, und mit denen du die besten beiden Schuljahre überhaupt vor dir hast? Wenn langsam die Sonne aufgeht, und du den Kopf aus dem Dachfenster steckst, bemerkst du, dass die Stadt längst schon wieder wach geworden ist, bereit für einen neuen Tag.

Wir bleiben wach, bis die Wolken wieder lila sind, kuck da oben steht ein neuer Stern, kannst du ihn sehn bei unserm Feuerwerk?

Wir reißen uns von allen Fäden ab, lass sie schlafen kommen wir heben ab!

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Nur leider war es der Tag, an dem wir Berlin verlassen haben, viel zu früh, weil wir gerade begonnen haben, uns auszukennen, uns zurechtzufinden. Es hätte noch so viele Dinge gegeben, die wir sehen und tun wollten. Auch wenn wir alle fast tot waren vor Schlafmangel, der Abschied viel verdammt schwer. Ich war jetzt drei Mal in Berlin, und ich bin einmal mehr zu dem Schluss gekommen, dass ich diese Stadt liebe liebe liebe, und ich weiß, ich werde wiederkommen. Hoffentlich früher als später.

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Es wird Zeit, Danke zu sagen. Danke an unsere Lehrer, die uns begleitet und alles ermöglicht haben, und die uns mehr Freiraum gegeben haben, als wir erhofften. Sie haben uns vertraut, und ich würde sagen dass wir das Vertrauen abgesehen von diversen Nachtaktionen auch erfüllt haben. Danke an den Busfahrer, der stets einen Witz oder einen Raststätten-Gutschein parat hatte, und für immer unser Ersatz-Papa bleiben wird 😀 Danke an alle Leute in Berlin, vom Hotel, von den Läden und und und. Wir durften auf unserer Reise fast nur nette, aufgeschlossene Leute kennenlernen, vor allem bei den Führern im DDR-Museum,im Bundesrat, im Reichstag, im Olympia-Stadion, bei der Stadtrundfahrt (rechter Hand :-D) und im Stasi-Gefängnis. Wenn er das hier lesen würde, würde ich dem Zeitzeugen von Hohenschönhausen gerne sagen, dass er mit seiner Geschichte, seinen Erzählungen und seiner unfassbaren Ehrlichkeit alles verändert hat, meine Denkweise, meine Sicht und irgendwie mein Leben. So schnell rührt mich nichts zu Tränen, aber er hat es geschafft, auf dem grauen, eingezäumten Zellhof, wo der Wind eisig durch die Bäume fuhr und die Vergangenheit an uns heftete wie schwarzes Pech.

Und Danke an unsere legendäre Stufe, ich kann gar nicht sagen wie sehr ihr mir jetzt schon fehlt, wir sind einfach die Besten. „Schreibst du darüber jetzt auch einen Blogeintrag?“ haben manche von euch, mehr aus Spaß und Provokation gesagt, und tija ich würde mal sagen hier ist er, viel zu lang und doch zu kurz um alles aufzuzählen und festzuhalten, was in den 5 Tagen dank euch passiert ist.

Ich weiß, dass noch so viel Gutes vor uns liegt, und ich freue mich darauf.

Diese Woche war alles. Spaß, Glück, Trauer, Bestürzung, Müdigkeit, Unvergesslichkeit. Glückliche Menschen haben ein schlechtes Gedächtnis und reiche Erinnerungen.

Ich bin glücklich, so viel könnt ihr mir glauben.

Mein Name ist Tabitha Anna und ich bin 22 Jahre alt. Ich komme aus dem Süden von Baden-Württemberg und liebe es, zu lesen, zu schreiben und zu reisen. Seit Oktober 2019 studiere ich deutsche und italienische Sprach- und Literaturwissenschaft in Freiburg im Breisgau.